nochmal: Weniger ist mehr

kjz1, Donnerstag, 30. Dezember 2010, 17:04 (vor 5723 Tagen) @ Fabian Brackhane

Ich hätte mein locker-flockiges "weniger ist mehr" vielleicht doch besser ausformulieren sollen. Worauf ich hinaus wollte ist folgendes: Mir ganz persönlich gefallen Orgeln viel besser, die in ihrer Intonation und ganzen Konzeption "entspannt" sind, also alles forcierte und nachdrückliche vermeiden. Das ist nicht unbedingt eine Frage der Registerzahl, sondern des Volumens.

Also mehr Farbe statt Dezibel? Oder mehr Qualität statt Quantität? Manchmal habe ich jedoch den Eindruck, die Orgel selbst ist 'an und für sich' nicht schlecht, sie steht halt nur im falschen Raum.... Oder: das wichtigste Register der Orgel wurde leider nicht berücksichtigt.

Dazu könnte ich in Koblenz einige Beispiele nennen. Seifert-Orgel, St. Josef. Die Orgel wurde hier von der Erbauerfirma von über 70 auf etwas über 40 Register verkleinert. Pedal und Hauptwerk/Brustwerk stehen vorne auf der Empore, dahinter erstreckt sich ein sehr großer Turmraum. So groß, dass an der Seitenwand im Turmraum der (offene) 32'-Holzprinzipal aufgestellt werden konnte. Hinter der Orgel befindet sich (freistehend) das grosszügig geplante Schwellwerk, welches durch diese Aufstellung einen unglaublichen Effekt entfalten kann. Bei geschlossenen Jalousien fast ein unhörbares 'Fernwerk', zugleich entfaltet sich beim Öffnen der Jalousien ein sehr wirksames Crescendo, ohne auch nur irgendwie 'brüllend' zu wirken. Diesen Effekt hätte man aber kaum erreicht, hätte man das Schwellwerk im Hauptgehäuse unterbringen müssen. Aufgrund der Akustik 'rollt' der Klang praktisch in den Raum hinaus, ein Effekt wie ich ihn sonst nur bei den großen franz. Kathedralen erlebt habe.

Liebfrauenkirche. Auch hier wurde die Orgel beim Umbau verkleinert, auch, um anderen Registern im Gehäuse mehr Platz zur Tonansprache zu geben. Zudem wurden einigen Mixturen 'die Zähne gezogen' und umintoniert. Vorher klang die Orgel 'kernig-deftig', nach dem Umbau wesentlich runder und voller. Zudem steht die Orgel auch hier etwas zurückgezogen in einem (großen) Turmraum.

St. Florin. Diese neue Orgel hatte ich ja schon hier vorgestellt. Hier war es wohl tatsächlich Wunsch der Auftraggeber, möglichst viele Register zu bauen. Der Orgelbauer hat dann IMHO etwas korrigierend eingewirkt, indem die Register eher zurückhaltend intoniert wurden. Leider kommt hier noch zum Tragen, dass der Raum kaum Nachhall hat und die Orgel auf der Empore fast direkt bis ans Geländer reicht. Da 'steht' der Ton praktisch in Sekundenbruchteilen 'mitten im Raum'.

Meine Vermutung: wie gezielt wird wirklich auf die vorhandene Raumakustik 'hingebaut'? Oder sind überwiegend 'Sachzwänge' (i.e. Pecunia) dafür verantwortlich, dass oft in kleinen Räumen eigentlich zu große Orgeln stehen bzw. in großen Räumen zu kleine Orgeln? Wobei letzteres evtl. klanglich nicht so extrem auffällt, denn ein großer Raum kann durchaus auch einen 'kleinen Klang' veredeln bzw. mehr Volumen verleihen.

Viele Grüße,

- Karl-Josef


gesamter Thread:

 

powered by my little forum