GD der Synode der EKiR. Nun danket alle Gott mit Band?

ArnezN, Sonntag, 18. Januar 2026, 17:54 (vor 221 Tagen) @ Sweelinck

Da das "Popkantorenbashing" hier gerade wieder losgeht, erlaube ich mir mal einen dazu passenden Bericht aus der Praxis zu geben.

Ich wohne seit zwei Jahren in einer Württembergischen Kleinstadt, in der es eine klassisch ausgerichtete 50%-B-Stelle gab. Logischerweise ist so eine Stelle, so schön Kirche und Orgel auch sein mögen, immer nur ein Sprungbrett in das nächste frei werdende Bezirkskantorat. Bei der aktuellen Absolventenzahl an Kirchenmusikhochschulen klappt das allerdings für viele mittlerweile auch ohne Sprungbrett. Und so begab es sich, dass sich auf die letzte Ausschreibung einfach keine geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten beworben haben.

Daraufhin hat man beschlossen, das Experiment zu starten und die Stelle als Popkantorat neu auszuschreiben. In dieser Form konnte es dann auch wiederbesetzt werden. Nun gibt es also regelmäßig Klaviermusik im Gottesdienst, es gibt ein (vom Kantor unabhängiges) Musikteam, eine neu gegründete Jugendband, regelmäßige Gospelchorprojekte, einen großen Posaunenchor und einen (ebenfalls vom Kantorat unabhängigen) klassischen Kirchenchor. Für mich als "neigschmeckter" bot die Situation die Chance, mich zuerst der Orgel, mittlerweileile auch des klassischen Chores anzunehmen - letzteres ist noch einmal eine andere Geschichte, denn auch nebenamtliche Chorleiter sind ein seltenes Gut geworden.

So haben wir hier die in meinen Augen luxuriöse Situation, ein breites Spektrum an Musik in der Gemeinde praktizieren zu können. Natürlich bekomme ich als Organist auch Rückmeldungen à la "Schade, dass die Orgel so selten im Gottesdienst spielt", aber die "Schön, dass im Gottesdienst jetzt mehr Klavier gespielt wird"-Stimmen melden sich natürlich nicht bei mir.

Die Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen ist sehr gut, da mir unser Kantor gleich zu Beginn erklärt hat, dass er von Überheblichkeiten des einen Stils dem anderen gegenüber nichts hält - die gibt es nämlich nicht nur von unserer Seite aus. Musik hat eben doch viel mit Geschmack zu tun und wenn ich nun mit dem klassischen Chor nicht zwanghaft irgendwelche Pop-Geschichten singen und im Gegenzug der Popkantor sich nicht an der Orgel einen abbrechen muss, ist die Situation für alle so, dass es sinnvoll ist, dass jeder an seiner Position am selben Strang zieht.

Dass ein Popkantorat nicht zwingend eine Einrichtung für "die Jugend" ist, kann man hier allerdings auch feststellen: Pop- und Kirchenchor haben eine ähnliche Altersstruktur, wobei unser Chor (noch) nach oben deutlich offener ist. Umgekehrt haben beim letzten Neukonfirmandenbegrüßungsgottesdienst einige der 12-14-jährigen die Frage danach, was im Gottesdienst nicht fehlen darf, mit der Orgel beantwortet.

Deshalb hier mein Plädoyer: Wir sollten aufhören, in der Kirchenmusik schwarz-weiß zu sehen und vor allem uns gegeneinander auszuspielen oder ausspielen zu lassen. Es geht dabei auch um Außenwirkung. Ich glaube nicht, dass irgendeine Energie sinnvoll eingesetzt ist, die pauschal eine vermeintliche Gegenseite schlecht redet. Sie wäre besser genutzt, wenn man sie aktiv für die Musik, die einem am Herzen liegt, einsetzt. Kurz gesagt: Machen, nicht lamentieren.

Unabhängig von dieser ganzen Geschichte: Die Musik im verlinkten Gottesdienst ist wirklich unterirdisch. Den Michael Schütz vom Anfang habe ich noch nie so gequält und uninspiriert gehört. Das zeigt: Unabhängig von allen Grundsatzfragen kommt es doch letzendendes auch immer darauf an, wer die Musik musiziert.


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