Reger und Deutschland

Karsten, Dienstag, 12. April 2011, 23:33 (vor 5622 Tagen) @ FranzS.

Hallo,

bei Rosalinde Haas bin ich auch etwas reserviert, aber immerhin hat sie die erste (?) Gesamteinspielung vorgelegt. Bei NAXOS sind auch viele schöne Einspielungen dabei. Am meisten hat mich Vol 6 überzeugt, besonders die fis-moll-Variationen. Hoffentlich bringen die das zu Ende.

Ja, das hat sie meines Wissens. Es gab auf Schallplatte mal eine Einspielung mit verscheidenen Organisten, an neobarocken Zimbel-Kisten aus den 1960er Jahren. Keine Ahnung wie vollständig die waren.
Bei aller Reserviertheit bzgl. Rosalinde Haas muss man ihr zu Gute halten, dass sie mit ihrer Einspielung wunderbar gezeigt hat, wie farbenreich man Reger auf typischen modernen Orgeln dieser Zeit darstellen kann.
Die Naxos-Reihe geht langsam weiter. In Fulda wurde wieder eine Folge eingespielt...

Leider zeigen sich die üblichen Probelem des Reger-Spiels auch bzw. gerade bei "kleineren" Werken. Neben den spieltechnischen Schwierigkeiten eben auch die spielpraktischen (Registrierung etc.) und vor allem Musikalischen. Stehen diese beereits bei den großen Orgelwerken Regers häufig außerhalb einer "vernünftigen" Aufwand-Nutzen-Relation, so erst Recht bei den "kleinen" Werken.


Empfinde ich eigentlich nicht mehr so. Man muss eben langsam an die Sachen ran, Fingersätze ausarbeiten usw; sich einfach mit dem Werk beschäftigen und dann klappt das alles und vieles liegt, wie ich finde, dann gut in den Fingern. Und was am wichtigsten ist, es lohnt sich zum üben, weils einfach gute Musik ist. Bei der Registrierung ist es manchmal nur auf den ersten Blick schwierig. Viele der "Crescendos" kommen durch den Satz an sich schon. Beispielsweise bei op. 69 "Präludium" ab Takt 25, wo es da heißt "sempre ff e crescendo", da wirds von ganz allein stärker, weils im Diskant immer höher wird, im Pedal die mächtigen Oktavsprünge hinzukommen, und der Satz fünfstimmig wird, das "sempre poco ritardando" tut sein übriges.

Ja, aber die Vorbehalte der übrigen Organisten sind oft immmer noch da. Leider. Und eben sehr viele Musiker denken immer noch so bzw. wollen/können sich nicht diesen Aufwand, sowohl geistig als auch technisch, der eben notwendig ist um Reger zu fassen, nicht leisten.

HIP [...]
Wenns danach ginge, dürfte ich auf meiner Orgel gar nichts spielen. Was die HIP-Mafia angeht, wenn ich mir die Märchen vom "Straube-code" anhöre, kommen mir schon Zweifel, ob das nicht sämtlich Ignoranten sind. Metronomangabe: Wenn Reger wirklich alles doppelt so langsam gemeint hat, dann würde das ja auf die Metronomangabe seiner Klavierwerke auch zutreffen, oder nicht? Dann wird das ganze aber schon sehr langsam und Unpianistisch.

Der Straube-Code wurde im (alten) Forum auch heftigst diskutiert. Und liest man sich diesen Aufsatz mal durch, so merkt man die "Denkfehler" und Lücken (wie z.B. die bereits erwähnten Parallelen zu anderen Werkgruppen) sehr schnell. Haltbar scheint mir das auch nicht. Um Reger überzeugend "langsam" bzw. "schnell" zu spielen, bedarf es keinen Code, sondern nur ein umfassendes musikalisches Verständnis und Technik, einen entsprechenden Raum und eien entsprechenede Orgel...

Das Walcker- oder Sauer- Argument berücksichtigt eigentlich nicht die Frage, wie Reger seine Orgelsachen selbst im Kopf gehört hat. Wer sagt denn, dass er da symphonische Klänge im Kopf hatte?

Man könnte stur dagegen halten, wen interessiert's, was Reger im Kopf gehört hat, entscheidend ist, was und wie er auf's Papier gebracht hat. Dass Reger auch schon sehr früh in "symphonischen Dimensionen" gedacht hat, müssten die großen frühen Orgelwerke doch eigentlich schon beweisen.

Man höre sich mal die Streichquartette an, oder die Kammermusik (gibts sehr, sehr viel), denn dann ist der Klang einer kleineren "modernen" Orgel viel näher dran, als der eines 100-Register-Instruments. Im Übrigen finden sich in den Streichquartetten auch crescendi und pppp und ffff , obwohl dort der dynamische Spielraum ja eher klein und alles andere als symphonisch ist.

Natürlich muss man die Dynamikangaben immer auch im Kontext des angegebenen bzw. dann tatsächlich verwendeten Instrumentariums sehen. Das ffff bei einem Streichquartett hat selbstverständlich eine andere Dezibelzahl als das eines großen Sinfonieorchesters. Und auch hier muss man berücksichtigen, dass Reger in seiner Meinigner Zeit viel gelernt hat, was Dynamik angeht.
Und dass Friedrich als ausgebildeter Geiger bei dem Kommentar, dass Streicher einen eher kleinen dynamischen Spielraum hätten, nicht auf die Barrikaden gegangen ist, wundert mich ein bissl ;)

Am wichtigsten ist aber, dass Reger und Bach Pflichtprogramm und täglich Brot für jeden Organisten sein sollte, weil man solche Musik sonst nicht findet und man fürchterlich viel versäumt, wenn man diese Musik nicht spielt und hört (aus welchen Gründen auch immer).


Ganz meine Meinung.

Gruß
Karsten


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