Reger und Deutschland

jrbecker @, Mittwoch, 13. April 2011, 12:10 (vor 5622 Tagen) @ FranzS.


.....denen ich allesamt nichts abgewinnen kann.


da wird sich schon was finden, was dir gefällt. Zum Glück gibts das ja alles umsonst bei imslp. Schau dir doch mal das "Te Deum" aus op. 59 an, oder die "Gigue" aus op. 80.


Hallo Franz,

daraus könnten wir jetzt eine Unterhaltung machen à la "Kommt ein Vegetarier ins Steakhouse und fragt den Ober nach seiner Empfehlung ..." Ganz gleich, ob der Ober T-Bone oder Lende empfiehlt, dem Vegetarier wird es nicht gefallen. "Da wird sich schon was finden" sprach der Ober und zeigte auf's Salatbuffet. Genau, das sind die 30 kleinen Choralvorspiele von Reger. Die erwähnte ich ja bereits.

Ich habe mir die beiden von dir genannten Stücke angesehen. Das Te Deum auch angehört. Und nun? Ich formuliere es mal ganz trocken-derb: Schon die ersten Akkordfolgen in der ersten Notenzeile stellen sich mir im Gehörgang quer und finden nicht den Weg ins Hirn. Ich habe auch in der Vergangenheit hin und wieder einmal versucht, mich an "kleine Regers" heranzutasten. Immer wenn ich eine Weile daran geübt habe, habe ich sie weggelegt, entweder weil sie mir nicht in die Finger gingen oder weil ich sie harmonisch nicht nachvollziehen konnte - um nur zwei Gründe zu nennen. Ich habe ja - ich schrieb es - im Unterricht keinerlei Techniken erlernt, wie man an diese Kompositionen herangehen könnte.

Ich habe mich heute erneut der Bitte, mir die zwei Stücke anzusehen nicht verschlossen und zwei weitere Stücke gefunden, die mir sagen: "Lass die Finger von mir, ich gefall' dir nicht."

Bei insgesamt 28 Registern wäre hier einiges möglich gewesen, aber mein Orgellehrer, von dem ich mich nicht erinnern kann, jemals Reger an dieser Orgel gehört zu haben, lehrte mich in puncto Literaturspiel alles, was sich zwischen Pachelbel, JCF Fischer, Bach und Walther abspielte, außerhalb der beiden organgen FOaM und den 80 CVaM0 bewegte sich da wenig. Weitergehende Literatur musste ich selbst einbringen und wurde stets nur widerwillig behandelt. Ein solcher Unterricht fördert den Zugang zu Reger nicht gerade.


Ich würd mal sagen, dass ein solcher Unterricht überhaupt keinen Zugang zu Musik fördert. Die guten "alte Meister"-Sammlungen, oder besser gesagt "alter Hut". Nochdazu sind viele Sachen verstümmelt und editionstechnisch gesehen, fast schon verantwortungslos veraltet.


Ja genau, volle Zustimmung. Nachdem ich mich zeitgleich durch Radiosendungen mit Orgelmusik gezappt habe, habe ich das auch sehr schnell erkannt. Aber in der dörflichen Region, in der ich damals lebte, gab es keinen anderen, der Orgel unterrichtete - außer einem noch altmodischeren im anderen Nachbarort. Bis zu nächsten Stadt mit vielleicht geeignetetn hauptamtlichen Kirchenmusikern waren es über 20 km. Das passte damals weder zeitlich noch finanziell. Also entweder schlechten Unterricht oder gar keinen.


Vielleicht hätte ich einen anderen Zugang zu Reger, hätte ich einen anderen Unterricht erhalten. So jedoch hatte ich nie die Gelegenheit zu lernen, wie man Reger versteht und interpretiert. Also lasse ich es. Erfolgreich. Seit nunmehr 25 Jahren.


Na ja, ich will dir ja nicht dreinreden, aber jetzt ist Frühlingszeit und somit die Zeit was neues Auszuprobieren ;-).


Kleines Stichwort zum Thema "Zeit": Ich schrieb bereits, ich bin nebenamtlicher Kirchenmusiker. Ich habe einen Hauptberuf und eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Musik ist sozusagen mein Hobby, und zwar genaugenommen eines von zweien. Wo ein Hauptamtler ein seiner täglichen Übezeit solche Stücke vorbereitet, das ist die Zeit, in der ich meinem Hauptberuf nachgehe. Wenn ein Hauptamtler sich am Abend hinsetzt und eine halbe Stunde ein Buch liest oder seine Briefmarkensammlung sortiert, das ist die Zeit, die ich zum Üben aufbringen kann. Natürlich probiere ich auch Neues aus, aber ich muss einfach abwägen, ob ich meine wenige Übezeit in ein Stück investiere, das mir nicht gefällt, bloß weil man meint, Reger gehöre zum "täglich Brot" oder ob ich in dieser Zeit zwei andere Stücke übe, an denen ich Freude habe und die ich auch voranbringen kann. Wie wäre deine Wahl?

Fast schon programmatisch ist da die "Canzonetta" aus op. 80- umrahmt von einer düsteren Winterlandschaft erhebt sich im Mittelteil ein Traum vom Frühling, dann eine verträumte Coda, die, wenn sie auch ppp ist, aufmunternd daran erinnert, dass es bald wieder so weit ist; vorbei mit dem Sauwetter und dann ab in den Biergarten!


Ein drittes Stück, das ich mir angeschaut habe, und wieder eines, das mir schon vom Notenbild her sagt, dass die Zeit, die ich zum Üben dieses Stückes bräuchte, sinnvoller in andere Stücke (z. B. in ein Präludium von Buxtehude oder auch mal wieder Krebs E-dur auffrischen...) investiert ist.

Keiner meiner Zuhörer hat sich bisher beschwert, dass ihm Reger fehlt. Würde ich keinen Bach spielen, dann weiß ich genau, dass ich gefragt würde, warum nicht.


Ich glaube meine Zuhörer kennen den Unterschied zwischen Bach und Reger gar nicht (liegt hoffentlich nicht an mir).

Mach mal folgenden Versuch: Suche dir aus der "Sonntagsgemeinde" mal willkürlich 20 Zuhörer aus, spiele ihnen ein Stück von Bach vor und ein in Stimmung und Umfang gleichartiges von Reger. Benutze dafür entweder ein Instrument, wie ich es beschrieb oder ein orgelbewegtes aus den 70er Jahren mit RPos, HW, Ped und 20 Registern bei rein mechanischer Traktur. Wahlweise kannst du auch ein hochromantisches pneumatisches Dorförgelchen mit II/13 nehmen. Denn das sind die Instrumente, die Unsereiner zur Verfügung hat. Frage dann hinterher deine Zuhörer - ohne Namensnennung der Komponisten -, welches Stück ihnen besser gefallen hat. Ich wäre sehr gespannt auf das Ergebnis.

Ich will nicht abstreiten, dass es dabei vielleicht fünf Leute gibt, denen der Reger viel besser gefällt, und weitere fünf, denen beides gleichgut gefällt. Dem Rest jedoch wird der Bach besser gefallen. Zumindest wäre das in meiner Gemeinde so. Und da ich mit meiner wenigen Übezeit gerne möglichst viele Leute erreichen möchte, übe ich das, was der größeren Gruppe gefällt. Denn ich kann die Gemeinde eh nicht mit Stücken überzeugen, die mir selbst nicht gefallen.

LG
Jörg


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