Orgelkonzert Huw Morgan, Memorial Church, Stanford
Liebe Forenser,
hier mein erster Bericht von der Peninsula, der Halbinsel südlich von San Francisco, die vom Pazifik und der San Francisco Bay eingeschlossen ist. Nebenbei: Eine schöne Gegend, so Kalifornien so.
Ich war gespannt auf das erste Orgelkonzert in der Stanford Memorial Church. Sie ist das Herzstück eines riesigen Uni-Campus und wurde 1903 als Gottesdienstraum für alle christlichen Bekenntnisse errichtet. Die erste Orgel 1901wurde von Murray M. Harris erbaut, 1925 von E. M. Skinner umgebaut und 1936 erweitert. 1996 wurde sie restauriert (hier ein Klangbeispiel – auch nicht übel!). Da hatte sie schon eine Schwester bekommen: Die Fisk-Nanney-Orgel. Die Planungen begannen 1973, beteiligt waren außer Charles Fisk Harald Vogel und Manuel Rosales sowie der damalige Universitätsorganist Herbert Nanney. 1985 war sie fertig, zwei Jahre nach Charles Fisks Tod. Es gibt noch drei weitere Orgeln, wie man hier nachlesen kann.
Die Fisk-Nanney-Orgel bildet einen mächtigen Baukörper zwischen den beiden Teilgehäusen der Harris-Orgel. Der Prospekt trägt deutlich Charles Nazarians Handschrift: Er zitiert historische Architekturformen in neuer Interpretation und setzt einen starken Mittelakzent gegen die Kastenhaftigkeit des Gehäuses. So wirkt es vielgliedrig – Hauptgehäuse mit geteiltem Seitenwerk, Brustwerkzone mit Brust-Pedalia, geteiltes Positiv –, obwohl es eigentlich einen mächtigen Block bildet. Pedaltürme verbieten sich; das würde wirken, als wollte die Orgel ihre ältere Schwester zur Seite rempeln. Entsprechend besteht das Pedal fast komplett aus Wechselschleifen mit dem Werck, der offene 16’ ist transmittiert; als eigene Register gibt es eine Subbass- und eine Posaunenreihe mit zwei bzw. drei Auszügen. Der Organist und alles, was er tut, ist vom Raum aus über die niedrige Holzbrüstung (mit filigranem Metallgeländer obendrauf) sehr gut sichtbar, wenn man sich denn in der Bank umdreht.
Der Organist: Das ist der Waliser Huw Morgan (sprich Hjuu, wie englisch Hugh), der bei Nicolas Kynaston und Nigel Allcoat eine gediegene britische Ausbildung erfahren und dann jenseits des Teiches ausgebaut hat. Er ist seit 1999 Universitätsorganist in Stanford. Sein Programm: die sechs Bachschen Triosonaten; sein Ehrgeiz: keine Registrierung soll sich wiederholen, also 18 unterschiedliche Kombinationen. Besser hätte ich’s nicht treffen können zum Kennenlernen dieser berühmten Orgel!
Berühmt ist sie unter anderem für ihre Doppelstimmung: Wohltemperiert (welcher Art, habe ich noch nicht herausbekommen) und 1/5-Komma-mitteltönig (hier ein Klangbeispiel – hat sich eigentlich schon der Spitzname »mittelvogeltönig« eingebürgert?). Werck, Rückpositiv, Seitenwerk und Pedal lassen sich mit einem Hebel gemeinsam »umstimmen«, das Brustwerk hat Subsemitonien. Bei diesem Konzert tönte die Orgel ausschließlich wohltemperiert, passend zur Musik.
Die war natürlich wunderschön, echte Musik für die Insel. Morgan ist ein Spieler mit virtuosen Mitteln, und seine Klangfantasie führte zuverlässig durch die Klangwunder des Instruments. In der Holzarchitektur der Kirche herrscht angenehmer, eher kurzer Hall; die Orgel klingt kraftvoll und deutlich, keineswegs überlaut – die Fisk-Intonateure sind für kräftige Intonation bekannt, die manchen auch zu laut ist. Hier – in der Intoantion von Stephen Kowalyshin – passt es einfach perfekt.
Morgan war als sicherer, lebhafter Spieler zu erleben. Er phrasiert dabei sehr musikalisch, gar nicht obenhin, auch bei hohen Tempi. Die Sonaten hat er zweifellos drauf. Je länger das Konzert allerdings dauerte, desto mehr Reibungsverluste waren zu bemerken, allerdings auf hohem Niveau; man kam nicht ins Bangen, dazu war alles zu gut. Wenn ein Geiger alle Paganini-Capricen an einem Abend geigt, wird er auch seine Durststrecken haben.
Die Registrierungen konnte ich nicht nach Gehör schätzen, zumal ich keinen Dispositionszettel hatte. So abwechslungsreich sie waren, so wenig schlug Morgan über die Stränge: Flöten und Gedeckte lernte man zuerst kennen, unter anderen die wundersam dicke Spillpfeife gegen die Rohrflöte und die Octava im Pedal. Ein großer Reichtum tat sich da auf, noch bevor Morgan Aliquote und Zungen einsetzte. Besonders schön gelang die G-Dur-Sonate: erster Satz mit drei herrlich runden und präsenten 8'-Prinzipalen, Mittelsatz mit zartem Rohrwerk, Finale mit Sesquialtera-Mischung gegen Prinzipale 8-4-2; was im Pedal geklungen haben könnte, kann ich nicht mehr sagen, aber die Balance war perfekt. Schön war auch der Kehraus nach achtzig Minuten Konzert (inklusive Pause): Im Finale der C-Dur-Sonate zwei richtige, kernige Prinzipalplena und ein ordentliches 16'-Pedal mit Trommeten 8'. Das war zwar keine Kammermusik mehr, aber Orgelmusik war es – und was für welche!
Mit etwas Glück lerne ich die Orgel vielleicht einmal etwas näher kennen, dann berichte ich natürlich. Der Einstieg war jedenfalls sehr lohnend. Ein guter Spieler, eine kostbare Orgel – zumal in einer Gegend, in der die Kirchen fast alle so klein sind, dass ein Prinzipal 8’ schon ein gewaltiger Luxus wäre.
Gruß,
Friedrich
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