Bemerkungen zur Emeritierung von Christoph Bossert an der HfM Würzburg im März 2025

Orgelfritze, Freitag, 19. Dezember 2025, 10:02 (vor 256 Tagen) @ MichaelS
bearbeitet von Orgelfritze, Freitag, 19. Dezember 2025, 10:13

Das trifft ja auf Pianisten schon mal nicht zu. Auch wenn es da einzelne "Nerds" im Bereich der "Spitzenverdiener" gibt, die sich vor dem Konzert fünf Instrumente auf die Bühne stellen lassen und dann auswählen, müssen konzertierende Pianistinnen und Pianisten i.d.R. mit dem Leben, was sie vom Veranstalter vorgesetzt bekommen, auch wenn die Bandbreite des dabei Möglichen natürlich mit jener bei Orgeln nicht vergleichbar ist.

Im Gegensatz zur (ihre Komplexe permanent inszenierenden) Orgelwelt haben Pianisten sich wohl irgendwann damit abgefunden, ganz gleich ob bewusst oder unbewusst, dass ihr Instrument so eng mit der (frühen) Industrialisierung und den Logiken der Moderne verknüpft ist, wie kein anderes. Obwohl die (frühe) Romantik - als erste Hochzeit des Klavieres und des Pianisten, wenn man so etwas wie einen "Epochengeist" herausarbeiten möchte, sehr gut als erste wirkmächtige Moderne- und (nicht-ökonomische sondern kulturelle) Kapitalismuskritik gelesen werden kann. Da hängt die Orgel seit +/- 200 Jahren zwischen Baum und Borke.

Einer dieser, salopp formuliert, Komplexe der Orgelwelt ist, dass sich, im Grunde bis heute, nie ein "unverdächtiges" Vituosentum bzw. ein Geniekult entwickeln konnte, wie es für die bürgerliche Musikkultur prägend war/ist. Orgeln stehen/standen vorangig in Kirchen, "da schickt sich das nicht"; alles Kirchliche ist spätestens seit dem frühen 19. Jh. ohnehin kulturell anrüchig und verdächtig. Organisten produzieren im kirchlichen Umfeld vorrangig Gebrauchsmusik und bleiben über Anstellungsverhältnisse, den Aufstellungsort ihres Instrumentes etc. immer dem der Regression unterliegenden Kirchlichen verhaftet.

Ich behaupte, dass dieser Orgelneubaukult, der ab der Orgelbewegung auf Einzelpersonen (Organisten, Sachverständige, Pfarrer und Architekten, die sich für Letzteres halten...) ausgerichtet ist, nichts anderes ist, als die Abreaktion eines "Nichtgesehenwerdens". Auch die Orgelbewegung als inkonsequenter Versuch, eine Logik der Besonderung gegen die die "Fabrikorgel" kennzeichnende Logik des Allgemeinen zu stellen, ordnet sich so ein. Man projeziert in einer immer stärker der Rationalität, der Standardisierung, dem Effizienzdenken, der industriellen Produktions- und Verwertungslogik unterworfenen Welt den eigenen, nicht adäquat einlösbaren Wunsch nach Individualität in "sein" Instrument, die Orgel.

In Kurzform: der (eigentlich nicht wirklich) stille Schrei nach Anerkennung, der sich im zeitlich über einen (möglicherweise) hinausreichenden Instrument manifestiert, weil das gewünschte Maß an persönlicher Anerkennung im kulturellen Kontext versagt bleibt.


Edit: Das ist eine Lesart, eine Facette, ein Aspekt...


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