Was fast niemand braucht, einige wenige aber sehr dringend brauchen...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 18. März 2024, 13:13 (vor 898 Tagen) @ Reginhard

....und zu eindrucksvollem Nutzen bringen!

Danke an Reginhard für diesen Beitrag. Wie schon öfter gesagt, im Amsterdamer Hyper Organ Symposium letztes Jahr hat Dr. Jürgen Scriba dem Laien nebenher erläutert, wie es betriebswirtschaftlich aussieht beim Thema Software-Entwicklung, verbunden mit spezifischer Hardware.
Es ist naheliegend, dass ein- oder zweistellige Stückzahlen für komplexe Systeme schwer oder gar nicht zu behalen sind. Das sagt aber über ihre Sinnhaftigkeit nichts aus.
Die Orgel von Weingarten ("Ein Dokument grandiosen Scheiterns", wie ein namhafter süddeutscher OSV es nannte, mit Betonung auf grandios, nicht Scheitern) kann auch niemals prototypisch für den Orgel-Mainstream sein und wollte es ausdrücklich nicht. Dort war Design eine treibende Kraft, verbunden mit dem Ego des Erbauers und auch einem Streben nach Farbreichtum im süddeutschen Sinne. Die Auftraggeber werden das alles - Design, Ego, Farben - in unterschiedlichem Ausmaß mit gewünscht und getragen haben. (Das Forum hat kompetente Autoren, die meine Aussage jetzt stützen, anzweifeln oder gar schrotten können).

Die Auftraggeber der Spezialitäten, die in diesem thread diskutiert werden, sind gehalten, diesen Mehraufwand auch zu leisten. Dennoch darf man als Kunde sehnsuchtsvoll seufzen und sich eine Standardisierung verschiedener Komponenten wünschen. Nun, selbst bei den Ladekabeln dauerte das aber viele Jahre. Im Video-Bereich hat es der Markt geregelt und brauchte viele Jahre (iund vierl Geld bzw. arbeitslos gewordenen Geräte), dass Video 2000 und Betamax verschwanden (wer kennt's noch?) und VHS übrig blieb, bis das Magnetband an und für sich zur Historie wurde.

Daher sind solche Zusammenkünfte wie Amsterdam oder vielleicht auch die Treffen von ISO und BdO wichtig. Denn der Markt ist definitiv zu klein für mehrere Anbieter. Nehmen wir heute ein typisches Verfahren für eine größere Orgel mit mehreren Wettbewerbern: Klais würde auf ein etabliertes System setzen, Rieger ausschließlich sein eigenes anbieten, ebenso würde Eule auf das mit der FH Mittweida gemeinsam entwickelte zurückgreifen wollen. Dann gäbe es ja noch SINUA... Und als Kunde macht man sich, gerade in der Post-Laukhoff-Ära, Gedanken, welche Vertragsklauseln zum thema Wartung, Insolvenz etc. erforderlich sein könnten, oder wie man nicht nur orgelbaulich, sondern auch im IT-Bereich, über die Möglichkeit der Fernwartung hinaus die Berechtigung erwirken kann, dass ein lokaler Betrieb eingearbeitet wird, um Notmaßnahmen durchführen zu können.

Wie bei allen technischen Mitteln gilt: Es kommt drauf an, was man draus macht. Niemand genießt eine Minute oder länger eine Septimkoppel. Aber es gibt einige wenige Künstler:innen, die mit diesen Werkzeugen wunderbare Sachen anstellen.
Und es ist schön, dass hier im Forum - im Gegensatz zu FB, z. B. Orgelbau-Gruppe - diejenigen, die das alles für Nonsens halten, zumindest schweigen und nicht noch pöbeln.

Ein eigener Sache darf ich noch Folgendes anmerken:

Nach gegenwärtigem Stand ist im deutschsprachigen Raum (incl. Nordschweiz) mit MECHANISCHER Technologie kein größeres (!) Instrument tiefer in der Tongestaltbarkeit ausgeabreitet worden als St. Martin Kassel, incl. Modul (was allerdings nur eine Kleinstorgel ist). Die Experimentalorgel von Daniel Glaus in Bern habe ich mitgerechnet.- Das große Instrument dort (INNOV-ORGAN-UM bzw. Prototyp III) ist aber wie auch das Kasseler "Modul" vor allem für die Experimentalaufgabe gemacht, als Normal-Orgel ist sie nicht besonders interessant (P8, G8, F4, 2 2/3, 1 3/5 auf zwei Man.).
Die Auslobung zum Rostocker Planungswettbewerb sieht starke Schwerpunkte in mechanischer Traktur UND derartigen Spezialitäten vor, auch möglicherweise unter Anwendung anderer Laden als Schleifladen. Und das ohne einen einzigen Mikroprozessor.
Der Ansatz ist, über die Gefahren der Zeitlichkeit hinaus zumindest im Technischen etwas Langfristigeres anzubieten. Von der Zeitlichkeit der Ästhetik einmal ganz zu schweigen, aber die hat man ja nun überhaupt nicht in der Hand.
(Parallel zu den mechanischen Lösungen wird aber das gesamte Portfolio digitaler Werkzeuge ebenfalls diskutiert werden für die parallel anzulegende digitale Steueurung, die beide Einzel-Orgeln incl. der angedachten ETS-Werke oder auch nur Teile dieser Substanz ansteuern können soll. Zukunftsmusik, in jeder Hinsicht.). Wenn alle Umstände günstig sind, wird man hier einen weiteren Standort erhalten, in dem ohne digitale Mittel fein an den Rändern des Pfeifenklangs gearbeitet werden kann

Die Verfolgung beider Wege scheint mir unverzichtbar - also, für die Splittergruppe der Klangforscher an den Rändern der Orgelmusik. Im Orgel-Mainstream aber ist vermutlich inzwischen alles erfunden, was man brauchen könnte - und herrliche Instrumente kann man damit machen und tut es hoffentlich auch weiterhin.


gesamter Thread:

 

powered by my little forum