Frage Orgelflügel (Türen) und Orgelohren
Und er hatte – Wertarbeit – massiv gebaut. Das erwies sich dann ganz schnell als richtig blöde Idee, denn sie begannen sofort, sich aus den Scharnieren zu drehen. Viel zu schwer.
Nunja, Holzflügel sind auch keine Seltenheit (z. B. in Rysum, Kiedrich, Amsterdam Nieuwe Kerk Chororgel). Die Massivholzkonstruktion scheint sich in diesen und vielen anderen Fällen durchaus zu bewähren. Es wäre interessant, was das beschriebene Beispiel von den funktionierenden Beispielen unterscheidet.
Anders als mit hauchdünner Rahmenbauweise oder mit Leinwand sind die auftretenden Kräfte nicht zu beherrschen. Wenn man sich die riesigen Türen in Alkmaar und Amsterdam ansieht, dann wirken die in diesen Dimensionen eierschaldünn.
In der Tat wirken diese Flügel sehr filigran. Die plastischen Partien für die Türme scheinen mir in Alkmaar jedoch eher massiv ausgeführt zu sein. Wen könnte man da Fragen?
Der Richteffekt tritt übrigens bei Leinwandflügeln ebenso auf wie bei Holzflügeln. Die aufgetragene Farbe macht die Leinwand erstens steif und glatt, und zweitens werden die hohen Frequenzen, die fürs Richtungshören entscheidend sind, von dieser Oberfläche immer noch deutlich reflektiert.
Hier würde mich interessieren, ob es dazu wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Kann es sein, dass Leinwandflächen als Tiefenabsorber wirken, d. h. tiefe Frequenzen schlucken (wie auch große Fensterflächen, Holzpodeste unter Kirchenbänken u. ä.)?
Weil das Thema »Ohren« angesprochen wurde: Die These, dass das in akustischer Hinsicht Schwundstufen von Türen seien, gibt es schon lange, z. B. bei Supper. Supper hat, meiner Erinnerung nach in der Kreienbrink-Jubiläumsschrift aus den Sechzigern, außerdem behauptet, dass die »Ohren« dort am stärksten auslüden, wo der Klang am kräftigsten sei; er meinte damit wohl die Labienzohne.
Diese These halte ich für nicht sonderlich plausibel. Darüberhinaus bin ich auch eher skeptisch was die bewusst eingesetzte akustische Richtwirkung von Flügeltüren angeht. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass Fügeltüren zunächst als Schutz vor Staub und Tieren eingeführt wurden und quasi parallel ihr gestalterisches Eigenleben entfalteten, das die Schutzfunktion sehr schnell zur Nebensache werden ließ. Durch aufwendig gestaltete Flügeltüren wurde die Orgel zum illustren Ausstattungsgegenstand des mittelalterlichen Kirchenraums geadelt. In anderen Worten: ich vermute, dass das Deko-Argument alle anderen Gründe verblassen lässt.
Zum Thema Akustik möchte ich folgendes zu bedenken geben: um den Klang des Pfeifenwerkes im Gehäuse lenken zu können, dürfen die Flügel nicht völlig geöffnet werden. Stehen sie nahezu in einer Linie mit der Prospektfront (wie auf den meisten Fotos aus Sion), sind sie wahrscheinlich akustisch völlig unwirksam. Hab´s mir eben mal aufskizziert: nach meiner Schätzung dürfte ein akustisch guter Öffnungswinkel ca. 110° betragen, um den Schall nach vorne in die Kirche zu schicken (Ihr könnt ja zum Vergleich auch mal zeichnen und messen). Bloß: von wo aus soll man dann die Flügel angemessen betrachten können? Die meisten Flügel sind (zumindest heute) wesentlich weiter geöffnet. In Alkmaar sind die großen Flügel tatsächlich nicht sonderlich weit geöffnet, es ginge aber auch gar nicht weiter. Reflektieren die Flügel wirklich so viel günstiger als die verdeckte Langhauswand? Beim Rückpositiv auf Höhe der Arkaden zu den Seitenschiffen könnte ich mir eine verbesserte Präsenz durch die Flügel eher vorstellen (sofern der Öffnungswinkel stimmt!). Wie sieht es bei der klassischen, seitlichen Schwalbennestposition aus? Jetzt könnte man sagen: ha, Türen weiter auf, Schall besser gestreut! Wirklich? Wenn man die Pfeifenpositionen und die Gehäusetiefe berücksichtigt, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Hälfte des Pfeifenwerkes zur einen Seite reflektiert wird, die andere Hälfte zur anderen Seite, und zwar je stärker, desto weiter die Pfeifen vorne stehen. Soll das, wenn es überhaupt einen merklichen akustischen Effekt von Flügeltüren gibt, eine anzustrebende Verbesserung sein? Und auch hier gilt meine Frage: wie weit sollen die Türen nun eigentlich geöffnet werden?
Anderes Thema: In den Niederlanden waren die Orgeln städtisches Eigentum und wurden durch calvinistischen Einfluss zunächst nur außerhalb des Gottesdienstes gepielt, was sich laut Orgelflügelbuch nach 1620 zögernd änderte. Die Orgel der Nieuwe Kerk (Türen von 1655) sieht im geschlossen Zustand, den ich für die calvinistischen Gottesdienste nicht ausschließen möchte, mit ihrer graubetonten hellen Farbe aus wie ein edles Monument, jedoch trotz der enormen Größe verhältnismäßig zurückhaltend. Der Inhalt ist demgegenüber umso prächtiger geraten. In einem Konzert, das ich dort miterleben durfte, wurden zum Beginn nur die Prospektregister gespielt, wobei sich die Flügel durch neuzeitliche Automatik ganz langsam und theatralisch öffneten. Es war umwerfend und vom Grad des Staunens her wie eine weihnachtliche Bescherung aus alten Zeiten!
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