Und noch einmal St. Marien Lübeck: Gehäuseideen?

Friedrich @, Samstag, 19. April 2014, 19:55 (vor 4575 Tagen) @ ado
bearbeitet von Friedrich, Samstag, 19. April 2014, 23:01

respekt für den entwurf -- aber warm werde ich damit nicht. dieser prospektvorschlag ist zwar besser als der oberscheußliche kasten, der da jetzt hängt. aber ästhetisch (und nur davon rede ich jetzt) paßt da etwas nicht. ich habe das gefühl, es ist ästhetisch falsch, um den offenen turmbogen HERUMbauen zu wollen. es sieht gestelzt aus.

Du hast recht, was das Umbauen des Bogens angeht. Es ist schwierig, das architektonisch befriedigend hinzukriegen. Ich habe über die Jahre schon viele Zeichnungen dieser Westwand gekritzelt, und jede blieb irgendwie daran hängen. Ich habe auch schon Schwebeemporen entworfen, von gläsernen Trakturschächten geträumt und ähnliches. In diesem Fall habe ich mit dem Mittelgehäuse einen einfachen und starken Mitte-oben-Akzent gesetzt, der das Gewicht der Türme kontern soll; auch stehen die 32'-Pfeifen im Flachfeld und nicht im vorspringenden Turm, was den Turmgehäusen etwas von ihrem Gewicht nehmen soll. Aus der Welt zu schaffen ist es aber nicht.

entweder man macht ihn zu, wie bei der alten orgel der fall. das würde mich überhaupt nicht stören, ich sehe gar nicht ein, warum der bogen unbedingt offenbleiben soll. das alte gehäuse funktionierte jedenfalls ästhetisch, und die orgel klanglich ja anscheinend auch -- oder hat sich damals schon jemand beklagt?

Ehm – ich würde.

Abgesehen davon, dass das farbige Westfenster in voller Höhe sichtbar bleiben muss, soweit ich weiß: Am gotischen Prospekt finde ich allein den fünfachsigen Hauptteil wirklich grandios. Er hat aber nie ein wirkliches architektonisches Gegengewicht im Unterbau besessen. Der war immer eine irgendwie gefüllte, schwach strukturierte Fläche; die letzte, neogotische Version von Julius Milde war bereits die beste, die je zustande kam, aber auch sie war nicht rundweg überzeugend. Und das stützende Balkenwerk im Turmbogen war auch nie besonders hübsch.

Der Traum wäre natürlich eine lettnerartige Empore vor dem Turmbogen mit Rückpositiv, Pedaltürmen und Hauptkorpus, dahinter Großpedal und Schwellwerk. Aber das wird keine Denkmalbehörde und kein Gemeindevorstand mitmachen. Selbst wenn von keinem Punkt der Kirche aus die Blickflucht auf das Westfester gefährdet ist, würde wohl nicht einmal erlaubt, eine Empore vor den Spitzbogen abzusenken. Das jetzige Gehäuse ist in dieser Hinsicht keine schlechte Lösung, wenn die Pfeifen auch wirklich gruselig aussehen. Das Gehäuse ist bis ins Detail auf die Nachkriegs-Inneneinrichtung der Kirche durch Denis Boniver abgestimmt, die heute nur noch in Rudimenten erhalten ist (ob das Gehäuse selber von Boniver mitgestaltet wurde, weiß ich nicht).

(mir geht immer wieder durch den kopf: wie klang das denn bei buxtehude? mein eindruck: eine raumdurchdringende beschallung großer kirchenräume war wohl nicht zu allen zeiten das ideal.

Ich denke, heute ist sie es. Unter anderem daran hängt ja die ganze Überlegung, was mit der Orgel werden soll. KBK hat schon gesagt, dass so etwas wie Stralsund wahrscheinlich das äußerste war, was man sich für Lübeck vorstellen kann: farbig, aber insgesamt mild. Durchdringenden Schnitger-Klang gab es in St. Marien nie.

zur position der orgel: mir gibt immer wieder eine der bestklingenden orgeln zu denken, die ich kenne, die wagner-orgel im dom zu brandenburg von 1725. sie füllt den raum -- nicht klein, wenn auch kleiner als in lübeck -- leicht, ohne laut zu sein.

Ja, die ist wirklich herrlich. Aber – und das auch an KBK – wenn man eine große Marienorgel gegen das Gewölbe stemmen wollte, dann kämen ganz neue Probleme auf einen zu – schließlich können ja auch dann nur ein, maximal zwei Manualwerke in dieser akustischen pole position stehen. Und der Rest? Cavaillé-Colls Antwort in Saint-Sulpce war klar – da muss sein Récit expressif hin (auch interessant: Prioritäten über die Zeiten und Klangstile). Ich würde immer fürs Hauptwerk plädieren – und dann erschrecken: Huch, ein Hauptwerk auf mindestens 30 Meter Höhe? Was passiert da an Weihnachten mit »O du fröhliche«?

Ach ja – es bleibt spannend !!!

Viele Grüße,
Friedrich


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