Lübeck, St. Marien - Neubau?

Friedrich @, Freitag, 11. April 2014, 21:52 (vor 4586 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Ich kann nur vor Hochdruck- und Tuba-Fantasien warnen... Der Raum in HL-Marien ist, wie viele andere ausgebombte Groß-Kirchen auch, extrem hallig, da dämpfende Einbauten aus der Zeit, in der große Orgelmusik in diesen Kirchen gemacht wurde, fehlen.

Wenn man sich das berühmte Foto nach Westen aus der Zeit vor 1942 anschaut, sieht man nicht nur sehr viel mehr Bänke, Epitaphien und andere Einbauten (Emporen dagegen entdecke ich nicht, aber das kann an der Blickflucht liegen). Man sieht auch, dass die Orgel sehr viel tiefer saß als heute. Das Hauptcorpus hat sein Kranzgesims etwa auf der Höhe, auf der heute die Empore sitzt. Vor 1854 war also das Hauptwerk ca. 6 Meter tiefer platziert. Darunter erst kam der größere Teil des Pedals, das große 16'-Unterwerk, zeitweise auch ein Stellwagen-Brustwerk.

Auch beim Schulze-Neubau war der Großteil der Orgel, z. B. die beiden 16'-Hauptmanuale, unterhalb des heutigen Emporenniveaus untergebracht. Wenn ich mich recht erinnere, war nur das Schwellwerk irgendwo im Hauptcorpus platziert (ich glaube, rechts oben). Teile des Pedals wurden ausgelagert in Gittergehäuse an den Längswänden.

Die Schulzes waren bekannt für den wuchtigen, brillanten Klang mit weit mensurierten, breit labiierten Prinzipalen. Heute wird manchmal Ladegast zum Vergleich herangezogen, aber ich glaube, das war doch etwas ziemlich anderes. In Doncaster kann man eine Ahnung davon bekommen. Außerdem hatten die Schulzes das Pedal mit ein paar extraweiten Überprinzipalen ausgestattet, Majorbass neben Prinzipalbass. Näher am Hörer, kraftvolle Prinzipale, weite Bassmensuren – all das wird viel ausgemacht haben im vielgerühmten Klang der Marienorgel.

Aber von einer solchen Anordnung wird der heutige Orgelbauer nur träumen können. Der Turmbogen und die Seitenwände werden tabu sein. Oder er muss sich eine clevere Lösung ausdenken, die es erlaubt, mindestens Hauptwerk, Positiv und 16'-Pedal unter das heutige Emporenniveau zu bringen, etwa mit Turmkonstruktionen à la Lausanne. Bleibt es bei der Anordnung in den Wolken, so wie jetzt, dann kann vielleicht eine Mischung aus Strahlkraft in der 8'- und 4'-Lage, nicht zu engen Mixturen, Zurückhaltung bei den Manual-16' und im Manual-Bassbereich, deutlich zeichnende Aliquoten auch im Bass und kräftige, aber auch obertönige Zungen im Pedal helfen.

Was das große Ganze angeht: Das wäre dann wiederum vom vielbeargwöhnten Französischen nicht so weit entfernt. Falls es so kommt: Tragt’s mit Fassung!

Viele Grüße,
Friedrich


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