Dobson, war: US-Import, die Zweite

ado ⌂ @, Montag, 09. Dezember 2013, 18:06 (vor 4644 Tagen) @ MAT

ich finde den prospekt eigentlich auch gelungen, habe aber ebenfalls bedenken ob der plazierung, die den raumeindruck doch recht stark beeinträchtigt, indem einer der querarme komplett von der vierung abgetrennt wird. das war beim vorgängerinstrument zwar bereits ähnlich, es war aber kleiner. (aber damit konnte man vielleicht den denkmalschutz beruhigen.) was ich mich auch frage ist, ob diese position eigentlich akustisch glücklich ist?

daß der KLANG der orgel vermutlich nicht konventionell britisch sein wird, kann ich mir gut vorstellen. schon die verwendung von zinnpfeifen im prospekt ist ja eine sichtbare abweichung vom in england hergebrachten, allerdings im sinne einer aufwertung, nicht einer abkehr. und ich kann mich des eindrucks nicht erwehren, daß bei der disposition bewußt versucht wurde, ein grundsätzlich traditionsverhaftetes bild zu bieten. ausgebaute prinzipalchöre: ist das in der choir organ wirklich einer? ein gemshorn ist doch kein prinzipal? spire flute und nason flute mögen etwas ungewöhnlich sein, aber für den, der es nicht so genau nimmt mit den details ist flöte eben flöte, das paßt schon noch. recherche ergibt im übrigen, daß die nason flute offenbar auch von willis gebaut wurde (zB westminster cathedral, 1932: choir organ hat nason flute 4' neben gemshorn 4') (akzeptiert man dieses gemshorn als prinzipal, dann hat auch hier die choir organ einen ausgebauten prinzipalchor, wie ebenso die swell organ).

ur-viktorianisch die unsinnige doppelung des 8'-fuß-prinzipals im hauptwerk, eine englische marotte, die sich jeder rationalen erklärung entzieht. wenn ich thistlethwaite in "the making of the victorian organ" richtig verstanden und in erinnerung habe, ist dies ein relikt der versuche im frühen 19. jh., die englischen orgeln lauter zu machen. das funktioniert so gar nicht, trotzdem wurde hier eine tradition geschaffen, an der das spätere 19. und noch das 20. jh. eisern festhielt (ausnahmen bestätigen die regel). es mag eine rolle gespielt haben, daß die doppelung dieses registers auch im englischen orgelbau des 17. jhs. üblich war, bei lettnerorgeln, aber selbst bei solchen, die an einer wand standen -- was die erklärung hinfällig macht, man habe eben auf jeder der beiden prospektseiten einen prinzipal gebraucht. darüber, daß dobson das hier jetzt auch wieder macht, kann man nur den kopf schütteln. (und es möge mir bitte keiner erzählen, die seien doch unterschiedlich mensuriert. geschenkt. ich hätte trotzdem lieber verschiedene register.)

mechanische traktur ist heutzutage zwar in england eher exotisch, war es aber bis zu beginn des 20. jhs. noch nicht. "father" willis mischte gern pneumatische und mechanische traktur, ging aber zumal bei kleineren instrumenten von der mechanischen traktur nie ganz ab. und ein orgelbauer wie j.j. binns baute etwa noch 1901 die dreimanualige orgel der old independent church in haverhill, suffolk -- von den dimensionen her der neuen dobson-orgel in oxford vergleichbar -- komplett mechanisch.

(WIE mechanisch ist die dobson-orgel eigentlich wirklich? daß von "mechanical action" die rede ist und abstrakten vorhanden sind, muß offenbar noch nicht allzuviel heißen. ich war etwas verblüfft, hier zu lesen, daß vermeintlich "mechanische" traktur bei vielen neueren englischen orgeln in wahrheit "electrically assisted" ist, dies aber gern verschwiegen wird.)

in der tat findet sich die sesquialtera in viktorianischen orgeln üblicherweise im hauptwerk. ihre verlagerung in die choir organ als "komplett unenglisch" zu bezeichnen ist vielleicht etwas stark ausgedrückt. die choir organ übernimmt hier wohl funktionen des traditionellen britischen "solo"-manuals mit -- wo sich dann zB eine vox humana finden könnte.

@ martin kondziella: verstehe ich das jetzt richtig, die kritik ist, daß es in oxford keine echte typisch britische orgel gebe? aber da fallen mir jetzt spontan zB sofort die orgel in der kapelle von wadham college und die große orgel in der town hall ein, beide von "father" willis und beide meines wissens vollkommen original erhalten und in regelmäßigem gebrauch. (die in wadham hat übrigens eine "spitzflöte", genau das also, was bei dobson jetzt spire flute heißt.)

korrigieren muß ich mich in dieser hinsicht: nasard und terz sind allerdings unviktorianisch (dafür wurden sie in englischen orgeln aber in den 50er und 60er jahren reihenweise nachgerüstet -- in diesem weiteren sinne wären sie also doch "traditionell"). NICHT unviktorianisch indes ist entgegen meiner früheren meinung die pedalmixtur. "father" willis baute sie zB 1876 in salisbury cathedral, aber auch in kleineren orgeln (st dominic's priory, london, 1883).


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