Dobson, war: US-Import, die Zweite

Friedrich @, Montag, 09. Dezember 2013, 19:11 (vor 4643 Tagen) @ Contrebasson 32'
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 06. Juli 2014, 11:59

Ob es neben der hochwertinge Ausführung Merkmale gibt, die für Dobsonorgeln typisch sind, müsste man ernsthaft untersuchen.

Ich möchte keinen Anspruch auf letzte Ernsthaftigkeit erheben, aber ich habe mich auf der Website mal umgesehen. Fast alle seine Orgeln hat er dort mit Bild und Disposition dokumentiert.

Dabei fällt mir vor allem auf, dass seine Orgeln offenbar immer so einfach wie irgend möglich angelegt sind. Zum Beispiel die beiden hier, nur zwei von vielen ähnlichen: Manualwerke übereinander, Spieltafel angebaut, wahrscheinlich hängende Traktur; das Pedal, das eine robustere Traktur verträgt, nach links weggeführt. Vergleicht man bei diesen und anderen seiner Orgeln Gehäuse und Disposition, so findet man in den Dispositionen nichts, wovon man sich fragt, wie er das nun wieder untergebracht hätte. Im Gegenteil, der Platz scheint eher großzügig genutzt zu werden – da lässt er offensichtlich lieber ein oder zwei Register weg, die vielleicht nahegelegen hätten.

Diese Orgel habe ich 1998 mal gesehen und gehört. Sie klang schön, lebhaft, plastisch und kräftig. Das Gehäuse hat Dobson, wie wohl meistens, selber entworfen. Die Anlage ist geradezu verblüffend einfach: In der Front stehen Schwell- und Hauptwerk nebeneinander (die Trakturen werden also diagonal zu den Wellenbrettern geführt), die drei Pedalregister mit jeweils 32 + 12 Tönen frei dahinter. Sie werden nicht extendiert, stattdessen wird das Pedal in Normallage, in der Oberoktave oder in beiden Lagen an die Klaviatur gekoppelt. (Die Prospektpfeifen kommen übrigens aus Göttingen; die dortige Chefin, 1998 ebenfalls anwesend, begrüßte sie als alte Bekannte. Schade, dass es diese Geschäftsverbindung nun nicht mehr gibt.)

Über diese Orgel hier habe ich mal einen Dobson-Aufsatz im American Organist gelesen und war fasziniert. Es gab keinen anderen Platz für das Instrument. Also wurde das Positiv unter den Bogen gehängt, dahinter die Traktur frei und leicht schräg nach hinten geführt; vor der Brüstung hängt die Pedallade (Subbass, Octave, Trombone) mit Great-16' im Prospekt (@ado: ich glaube, elektrisch angeschlossen), dahinter erhöht die des Hauptwerks, und auf der Empore dahinter der Schwellkasten sowie der offene Pedal-16'. Das Pedal ist diesmal extendiert. Auch wenn es unorthodox ist, die Pedallade vor die des Hauptwerks zu stellen: Unter den gegebenen Umständen ist das wohl die einfachste Lösung. So konnte selbst bei diesen ungünstigen Umständen die Tastentraktur mechanisch bleiben (@ado: bei der sparsamen Besetzung von Swell und Great mit abgeführtem 16' kann sie auch gut ohne Abzugshilfe auskommen, selbst wenn die Federn eine ungewöhnlich lange Traktur tragen müssen).

Was das Kimmel Center angeht: Das ist natürlich eine Konzertsaalorgel, deren Disposition sich wie die vieler anderer liest. Aber auch hier fällt mir auf, dass alle Werke zunächst komplett mit Prinzipalchören besetzt sind, auch das Solo und das Pedal (man muss sich ein bisschen durch die vielen Transmissionen wursteln, dann erkennt man das klassische Gerüst). Und auch hier ist die Anlage konsequent von der mechanischen Traktur her gedacht, auch wenn man bei solchen Größenordnungen mit Recht fragen darf, ob das noch sinnvoll ist.

Lynn Dobson scheint mir ein Orgelbauer mit Hirn und Ideen zu sein. Mich beeindruckt diese Konsequenz jedenfalls sehr. Letztlich kommt diese streng durchgehaltene Einfachheit doch dem Klang zugute. Und eine klassische Design-Maxime ist sie außerdem. Hochachtung auch vor dieser Haltung in einem Land, in dem immer noch elektrische Laden quer durch Kirchenbauten gewürfelt werden und die Ganzganzvieleknöppchen-Mode nach wie vor den Alltag bestimmt.

Gruß,
Friedrich


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