Dobson, war: US-Import, die Zweite

Friedrich @, Montag, 09. Dezember 2013, 20:21 (vor 4643 Tagen) @ ado
bearbeitet von Friedrich, Montag, 09. Dezember 2013, 21:08

Danke für die ausführliche Antwort!

ich finde den prospekt eigentlich auch gelungen, habe aber ebenfalls bedenken ob der plazierung, die den raumeindruck doch recht stark beeinträchtigt … Was ich mich auch frage ist, ob diese position eigentlich akustisch glücklich ist.

Ich habe schon mal beim Mander-Forum Neugier angemeldet. Bin gespannt, was die Kollegen dort zu berichten haben. Die Vorgängerorgel scheint vor allem klanglich zu klein dimensioniert gewesen zu sein, und mit der Chorbegleitung kam sie wohl auch nicht gut klar.

daß der KLANG der orgel vermutlich nicht konventionell britisch sein wird, kann ich mir gut vorstellen. schon die verwendung von zinnpfeifen im prospekt ist ja eine sichtbare abweichung … und ich kann mich des eindrucks nicht erwehren, daß bei der disposition bewußt versucht wurde, ein grundsätzlich traditionsverhaftetes bild zu bieten. ausgebaute prinzipalchöre: ist das in der choir organ wirklich einer? ein gemshorn ist doch kein prinzipal?

Kommt in manchen Orgeln im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert als Stellvertreter vor. Hier nehme ich an, dass sie sich mit dem Geigen und der Mixtur mischen soll. Ich meine auch, dass da ein englisches Dispositionsbild angestrebt wurde, worauf Paul Hale wahrscheinlich einigen Einfluss hatte.

spire flute und nason flute mögen etwas ungewöhnlich sein, aber für den, der es nicht so genau nimmt mit den details ist flöte eben flöte, das paßt schon noch. recherche ergibt im übrigen, daß die nason flute offenbar auch von willis gebaut wurde (zB westminster cathedral, 1932: choir organ hat nason flute 4' neben gemshorn 4')

Das Register hat sich Willis III, soweit ich weiß, von Æolian-Skinner abgeschaut. (Der Dritte scheint nicht der hellste und originellste der Dynastie gewesen zu sein, und er lieh sich viel bei Skinner und G. Donald Harrison.)

ur-viktorianisch die unsinnige doppelung des 8'-fuß-prinzipals im hauptwerk, eine englische marotte, die sich jeder rationalen erklärung entzieht. wenn ich thistlethwaite in "the making of the victorian organ" richtig verstanden und in erinnerung habe, ist dies ein relikt der versuche im frühen 19. jh., die englischen orgeln lauter zu machen.

Das stimmt zwar, aber im Lauf des 19. Jahrhunderts haben diese Prinzipale unterschiedliche Funktionen entwickelt. No. 1 ist oft das lauteste, dann wird nach unten gestaffelt. Meistens ist die No. 2 das normale Prinzipal, auf dem der Prinzipalchor in Mensur und Stärke aufbaut; No. 1 sollte dem Gemeindegesang extra Fahrt verleihen. Das führte zu den berüchtigten No. 1 von Hope-Jones, mit Ultra-Hochdruck, hohen Aufschnitten und belederten Oberlabien, die den übrigen Klang komplett auffraßen. Im günstigen Fall hat man einfach eine dynamische Staffelung edlen Prinzipalklangs.

Hier habe ich ein Beispiel aus Truro, den Anfang der Elegy von Thalben-Ball. Wenn ich mich nicht täusche, hört man zu Anfang das Grundstimmenensemble des Great ohne No. 1, das abregistriert wird; dann Wechsel aufs Swell, und No. 1 allein mit der Melodie, der solistisch so stark ist wie das ganze Ensemble vorher akkordisch.
Dies sind die vier Open Diapasons der Orgel in der Woolsey Hall (OK – New Haven, USA), nach Lautstärke und Farbe gestaffelt.

… und ein orgelbauer wie j.j. binns baute etwa noch 1901 die dreimanualige orgel der old independent church in haverhill, suffolk -- von den dimensionen her der neuen dobson-orgel in oxford vergleichbar -- komplett mechanisch.

Interessant, muss ich mir mal ansehen.

(WIE mechanisch ist die dobson-orgel eigentlich wirklich? daß von "mechanical action" die rede ist und abstrakten vorhanden sind, muß offenbar noch nicht allzuviel heißen. ich war etwas verblüfft, hier zu lesen, daß vermeintlich "mechanische" traktur bei vielen neueren englischen orgeln in wahrheit "electrically assisted" ist, dies aber gern verschwiegen wird.)

Danke für den Link, sehr interessant. Balanciers usw. sind ja auch bei uns oft im Einsatz, das macht mir persönlich keine Kopfschmerzen. Halbmechanische Lösungen für große Orgeln finde ich auch nicht uninteressant. Ich habe einen Aufsatz, ich glaube von Kenneth Jones, gelesen, in dem er von einer Zwei-Ventile-Lösung schrieb. Ein kleineres Ventil funktioniert rein mechanisch und gibt das entsprechende Spielgefühl. Nun wird jedem Register, je nach Windverbrauch, ein Wert 1 oder 2 zugewiesen (Bourdon 16' = 2, Flute 8' = 1, Principal 4' = 1 usw.). Das größere, elektrisch aufgezogene Ventil wird aktiviert, wenn die (elektronisch gesteuerte) Registrierung eine bestimmte Summe überschreitet. Finde ich bei großen Orgeln nicht uneben, wenn man davon ausgeht, dass es bei mechanischer Traktur vielen Spielern vor allem um das präzise Spielgefühl geht.

in der tat findet sich die sesquialtera in viktorianischen orgeln üblicherweise im hauptwerk. ihre verlagerung in die choir organ als "komplett unenglisch" zu bezeichnen ist vielleicht etwas stark ausgedrückt. die choir organ übernimmt hier wohl funktionen des traditionellen britischen "solo"-manuals mit -- wo sich dann zB eine vox humana finden könnte.

… wie in Salisbury nach dem Mander-Umbau in der Siebzigern, wo die Tuba vom 1. Manual mitgespielt wird. Das soll sich übrigens bald ändern, Harrison & Harrison haben etwas Fünfmanualiges in Planung.

korrigieren muß ich mich in dieser hinsicht: nasard und terz sind allerdings unviktorianisch (dafür wurden sie in englischen orgeln aber in den 50er und 60er jahren reihenweise nachgerüstet -- in diesem weiteren sinne wären sie also doch "traditionell"). NICHT unviktorianisch indes ist entgegen meiner früheren meinung die pedalmixtur. "father" willis baute sie zB 1876 in salisbury cathedral, aber auch in kleineren orgeln (st dominic's priory, london, 1883).

Ist schon interessant, dass sich dann doch ein differenzierteres Bild ergibt.

Viele Grüße,
Friedrich


gesamter Thread:

 

powered by my little forum