Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?

Kirnberger, Mittwoch, 06. März 2013, 11:35 (vor 4974 Tagen) @ Phys

Hallo Phys,

ich lese gerade einen digitalen Ausreißer aus J.S.Ersch und J.G. Grubers "Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste - 2. Sektion H-N". Dort wird auf die vollständige Disposition bei Adlung verwiesen. Erwähnt ist der Ruhm der Orgel, die Aufteilung auf Haupt-, Ober- und Brustwerk und die Neuigkeit der "Flöten von einerlei Art" in jedem Werk. Während andere Schmierfinken hier ein Vorbild für das Voglersche Simplificationssystem zu sehen glauben (Pferdemerde, dieses!), geht es nur darum, dass man mit Gemshorn 8+4 im Hauptwerk, Spitzflöte 8+4 im Oberwerk und Rohrflöte 16+8+4 im Brustwerk (sic!) treffliche Begleitmischungen vorfindet, über der sich die Soli der übrigen Manuale wohl entfalten können. Ähnlichkeiten mit Auxiliarideen späteren Zeitgenossen sind reiner Zufall ( ;-) )... Außerdem hat Hildebrandt freiwillig bis zum f³ ausgebaut.

Hier nun die 60stimmige Dispo nach Adlung, Band 1:

HAUPTWERK
Principal 16 (engl. Zinn)
Oktave 8 (von f bis f³ gedoppelt)(engl. Zinn)
(Adlung zur Dopplung: "Was aber eigentlich die in jedem Claviere angebrachte, und noch dazu immer anderswo anfangende Verdoppelung der Pfeifen in den 8füßigen Principalen und Oktaven, für einen Nutzen haben solle, kann der Verfasser dieser Anmerkung, ohne dass er das Werk selbst gehöret und untersuchet hat, nicht eigentlich einsehen." Ich schon, Herr Adlung, ich schon!)
Cornet durchs halbe Clavier, 5fach (engl. Zinn)
Gemshorn 8 (Metall)
Quintatön 16 (Metall)
Octave 4 (engl. Zinn)
Gemshorn 4 (Metall)
Nasat 3 (Metall)
Quinte 6 (engl. Zinn)
Octave 2(engl. Zinn)
Sesquialtera 2f.(engl. Zinn)
Mixtur VIII aus 2(engl. Zinn)
Scharf V aus 1 1/2(engl. Zinn)
Trompete 16 (engl. Zinn)
Trompete 8 (engl. Zinn)


OBERWERK
Prinzipal 8 (g-f³ gedoppelt) (engl. Zinn)
Unda Maris durchs halbe Clavier (engl. Zinn)
Bordum 16 (Metall)
Spitzflöte 8 (Metall)
Oktave 4 (engl. Zinn)
Quintatön 8 (Metall)
Spitzflöte 4 (sicher Metall, Angabe fehlt)
Quinte 3 (engl. Zinn)
Rauschpfeife 2f. (engl. Zinn)
Cymbel V aus 1 1/2 (engl. Zinn)
Octave 2 (engl. Zinn)
Trompete 8, von g an gedoppelt (engl. Zinn)
Vox humana 8 (engl. Zinn)
Echo des Cornetts durchs halbe Clavier (engl. Zinn)

BRUSTWERK
Principal 8, von a bis f³ gedoppelt (engl. Zinn)
Flötetraversiere 8, Metall, ab c1 überblasend
Rohrflöte 16, (Metall)
Kleingedackt 8 (Metall)
Octave 4 (engl. Zinn)
Rohrflöte 8 (Metall)
Rohrflöte 4 (Metall)
Rauschpfeife II-III (engl. Zinn)
Nasat 3 (Metall)
Octave 2 (engl. Zinn)
Terze aus 2(engl. Zinn)
Quinte 1 1/2(engl. Zinn)
Sifflet 1 (engl. Zinn)
Cymbel V (engl. Zinn)
Chalümeau (sic!) 8 (engl. Zinn)

PEDAL
Principal 32 (engl. Zinn)
Principal 16 (engl. Zinn)
Subbass 32 (Holz?)
Subbass 16 (Holz?)
Octave 8(engl. Zinn)
Quinte 6(engl. Zinn)
Rohrquinte 12 (Metall)
Octave 4(engl. Zinn)
Mixtur X aus 3(engl. Zinn)
Posaune 32(engl. Zinn)
Posaune 16(engl. Zinn)
Fagott 16(engl. Zinn)
Trompete 8(engl. Zinn)
Clairon 4(engl. Zinn)

NEBENREGISTER
Koppel HW-Pedal
Tremulant HW
Schwebung OW
Ventile in alle Laden
Cymbelstern
10 Bälge

Über Manualkoppeln steht hier nichts, nicht mal über eine recht übliche Schiebekoppel OW-HW. Vielleicht ist ja jemand auf die verrückte Idee eines Koppelmanuals gekommen. Allerdings würde ich mich der Vermutung meines Vorredners anschließen: Wenn Hildebrandt angesichts des riesigen Raumes schon auf Teufel komm raus doppelt, hat er mit Sicherheit keine kleinen Ventilquerschnitte. Und dann das alles mal drei plus mechanischer Verschnitt in den Fingern...puh.
Mehr Licht gäbe es jetzt nur durch einen verläßlichen Stich, der ein viertes Manual zeigt. Die Vorgängerin (Anhang Niedt) hatte auch nur drei.

Mattheson hat übrigens im Anhang zum Niedts "Musicalischer Handleitung" die Dispositionen der Hamburger Orgeln geliefert, "weil er da gewohnet" (Adlung). In Wirklichkeit hat der Verleger ihn genötigt, das Durcheinander im Manuskript zu beseitigen...

Bin gespannt, was Du herausbekommst...

Kirnberger


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