Cameron Carpenter

Contrebasson 32' @, Wien, Dienstag, 24. Dezember 2013, 08:47 (vor 4631 Tagen) @ orgelquaeler

Auffällig ist jedoch nach meinem Eindruck, dass sich das Publikum relativ schnell zufriedengibt, solange nur möglichst schnell und/oder laut gespielt wird. Mag das klangliche Ergebnis noch so unterirdisch sein.

Gruß, Florian


Genau das meinte ich. Es gibt ja auch einige, die ganz begeistert erzählen, dass sie jetzt Klassik hören. Auf Nachfrage: Sie waren bei einem Helmut Lotti Konzert…
CC hat nichts mit Organistentum im klassischen (unserem) Sinne zu tun.

Liebe Forumskollegen,

wieso verlaufen hier manche Diskussionen eigentlich immer gleich, wenn auch mit dem Unterschied, dass inzwischen einige Foris sich eine differenziertere Meinung als vor einigen Monaten bzw. Jahren zugelegt haben. So kann ich bspw. das, was Wolfgang geschrieben hat, am besten unterschreiben.

Naja, aber zurück zu Cameron Carpenter. Er ist laut, er ist provokant, technisch brilliant und noch dazu ein Julliard Absolvent, einer Musikhochschule, die gemeinhin nicht dafür bekannt ist, ihre Abschlüsse zu verschenken oder gar jeden aufzunehmen. Natürlich darf man sich manchmal fragen, wie z.B. dort ein David Garrett studieren konnte, aber ich glaube, dass der David Garrett, der damals dort studiert hat, und der David Garrett, der heute als moderne Rieu-Version Konzerthallen füllt und es dabei an technischer Brillianz mangeln lässt, leider nur wenig miteinander zu tun haben. Fehlende technische Brillianz kann man CC im Gegensatz zu David Garrett nicht vorwerfen...

CC rangiert für mich persönlich irgendwo zwischen Genie und Wahnsinnn. Er reiht sich in eine lange Reihe von Interpreten ein, die die Grenzen dessen, was auf ihrem Instrument möglich ist, ausloten wollen. Scheinbar ist es nun so, dass ihm die bisher vorhandene Literatur das aber nicht zur Gänze ermöglicht, und so verfremdet er Stücke (ich erinner nur an die A la Turca-Paraphrase von Volodos, die ihm technisch und musikalisch noch zu anspruchslos war), steigert sie im Tempo etc., und stellt sie so in den Dienst seiner Virtuosität.
Dabei geht er nicht immer geschmackssicher vor. Nur, weil etwas technisch möglich ist, muss man es nicht in seine Interpretationen einfließen lassen. So z.B. bei seiner Bachplatte, die ein schönes Zeugnis amerikanisch-neoromantischer Interpretationspraxis wäre, würde sie nicht bspw. durch Hervorhebung einzelner Passagen auf einem Solomanual (vorzugsweise auf einem dritten Manual) fast schon pädagogisierend auf Wendungen und ansonsten überhörte Nebenstimmen aufmerksam machen und damit den Hörgenuss schmälern.

Auch seine Meinung bzgl. so mancher Orgel ist mehr als grenzwertig. Innerhalb der Logik eines CC ist der Schritt zur Touring-Orgel aber absolut nachvollziehbar. Und sollte CC mit einem gescheiten Toningenieur unterwegs sein, der in der Lage ist, seine Digitalorgel gut auf den jeweiligen Konzertraum abzustimmen, wird das klanglich viel, viel befriedigender sein als z.B. jede Rodgers-Elektronenkiste, auf der CC so oft auf yt zu hören ist. Der Klang der M&O-Digitalorgeln ist nun einmal sehr, sehr realitätsnah, so leid es mir tut, das zu sagen. Für CC folgt aus der Touring-Orgel jedenfalls die Möglichkeit in allen Konzertsälen der Welt aufspielen zu können - unabhängig von der Qualität der dort vorhandenen Orgel.
Nehmen wir an, CC käme nach Düsseldorf. Auf der Tonhallen-Klaisine würde ich ihn nicht hören wollen. Die Orgel ist nämlich viel zu klein für Sololiteratur und außerdem sehr zurückhaltend intoniert. Hier macht eine Touring-Orgel Sinn. Es gibt jedoch auch genügend Konzertsäle mit hervorragenden Orgeln, Orgeln die ich lieber hören würde als jede noch so gute Digitalorgel. CC meint jedoch, dass selbst sehr gute Orgeln ihn und seine Interpretation einengen würden. Einerseits, weil sie seinem Spiel manchmal physisch nicht gewachsen sind (was man ja übrigens auch immer wieder von einen alte Musik-Experten hört), andererseits, weil er ihre klanglichen Möglichkeiten als nicht befriedigend bzw. defizitär empfindet im Vergleich zu seinen eigenen Klangvisionen.

Kommen wir nun aber endlich zu meinem Plädoyer: Lassen wir doch CC noch ein bisschen rumkrawallen und laut und schrill sein. Geben wir ihm etwas Zeit, sich die Hörner abzustoßen. Und so dürfen wir es vllt. in 10 Jahren erleben, dass CC reifer geworden ist und sich bzw. seine stupende Technik mehr und mehr in den Dienst am Werk, das er interpretiert, stellt als umgekehrt. Lassen wir ihm doch seinen immensen Schaffensdrang irgendwo zwischen - wie ich oben schrieb - Genie und Wahnsinn und freuen uns daran, dass er es schafft, die Menschen für die Orgel und ihre Literatur zu begeistern, statt ihm die vollen Konzertsäle zu neiden. Und wie schon mancher Vorredner schrieb. Es ist ja nicht so, dass er nur effekthascherische, oberflächliche Literatur im Programm hat. So jubelt er seinem Publikum so manches Werk unter, dass dieses sonst nie zu hören bekämen. Ich würde sagen: Gut so!
Und uns würde ich angesicht desssen zu etwas mehr Gelassenheit raten. Lassen wir doch die Kirche im Dorf. Noch hat CC nämlich ein eigenes Publikum, das mit dem Publikum des gemeinen Orgelkonzertbetriebs doch nur wenig Überschneidungen hat. Vielleicht wird es aber irgenwann so sein, dass sich jemand nach einem CC-Konzert für das Instrument Orgel begeistert und so in einem "unserer" Konzerte landet.

Mit besten Grüßen
Contrebasson 32'


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