ein paar Fragen...

chp, Samstag, 05. Januar 2013, 13:48 (vor 5040 Tagen) @ JSBach

Hallo,

Dabei habe ich festgestellt, dass ich zum einen sehr lange brauche, um neue Stücke "in die Finger" zu bekommen (das liegt vermutlich an meiner mangelnden Begabung), aber diese sehr schnell wieder aus dem Repertoire verschwinden, wenn ich nicht regelmäßig bis täglich übe.

das hängt von verschiedenen Faktoren ab:
1. Alter. Jüngere können sich in der Regel neues Repertoire schneller erarbeiten als ältere. Ab 50 +-X lassen Wahrnehmung und Motorik beispielsweise nach. Ab der Pensionierungsgrenze (65/70) etwa wird die Erarbeitung neuer Stücke an der Grenze des Bewältigbaren immer schwieriger und es ist besser sich auf die Erhaltung des Repertoires zu konzentrieren. Bis zum Alter von 30 Jahren spielt das Alter aber praktisch keine Rolle.

2. Übezeit und Engagement. Berufsmusiker (Orchester, Solisten) üben von klein auf täglich 6 Stunden. Dazu braucht man auch viel Aufgabenengagement, Interesse und Durchhaltevermögen. Ich konnte und könnte nicht so viel Zeit aufbringen, das macht aber nichts, weil ich nicht Berufsmusiker werden wollte/will. Dennoch ist üben immer wichtig. Bei mir war auch entscheidend, dass ich mir eine digitale Übeorgel (Pedal!) für zu Hause angeschafft habe.

3. Musikalisches Talent/Begabung: Der Wissenschaft ist nicht klar, was das genau ist. Beim Orgelspielen gehören Gedächtnismerkmale (Kapazität der Informationsverarbeitung, Merkfähigkeit), Wahrnehmungsprozesse (nichr nur Gehör!), und Koordination der Motorik dazu. Mir fällt es beispielsweise sehr schwer, in verschiedenen Extremitäten (Armen, Beinen) 3er und 2er Rhythmus zu kombinieren (Triolen und gerade Notenwerte, wenn 2 auf eine Triole fallen). Das ist natürlich ein Problem, wenn man Berufsmusiker werden will, man kann es aber umgehen, wenn man Hobbymusiker bleibt. Übrigens führt aktives Musizieren zu tatsächlich zu günstigen Verädnerungen im Gehirn, beispielsweise gibt es auch Auswirkungen auf die Sprache bzw. Spachverarbeitung. Für bestimmte technische Dinge (etwa schnelle Skalen oder Figuten) gibt es spezielle Übetechniken.

Wie kann ich daran arbeiten, mein Repertoire zu erweitern bzw. aufrecht zu erhalten? Wie sollte ich üben?

Regelmäßig wiederholen und neu Üben ist sehr wichtig. Die Stücke also am besten regelmäßig zur Gestaltung von Gottesdiensten verwenden. Die angesprochenen Präludien von Buxtehude sind auch deswegen günstig, weil man sie gut zerlegen und in Teilen spielen kann. Wenn es um die Gestaltung von Gottesdiensten geht, kommt man natürlich auch mit einfacheren, kürzeren Stücken, die dennoch gut klingen, aus. Ich überlasse als Hobbymusiker die große Literatur sehr gerne und ohne Neid den Profis.

Zudem habe ich starkes Lampenfieber und große Probleme, vor anderen, vorallem Fremden zu spielen. Im vergangenen Jahr habe ich zweimal in einer Messe gespielt, beim ersten Mal hatte ich während der Liedbegleitung einen kompletten Blackout, mein Lehrer hat übernommen, das zweite Mal (BWV 599) ging relativ problemlos, jedoch konnte ich vorher kaum schlafen, hatte vor und während der Messe Magenschmerzen und und und...

Welche Möglichkeiten gibt es, gegen Lampenfieber anzukommen/damit zu leben?

Man kann Druck aus der Situation nehmen, indem man zunächst Routine sammelt bei "einfache" Gottesdiensten mit wenig Musik und wenig Besuchern (z.B. Werktagsgottesdienste im kath. Bereich). Da kann man sich auch gut Ordinariumsgesänge erarbeiten (Kyrie, Sanktus, Agnus Dei) und häufige Choräle.

Günstig ist es, wenn man Anerkenung und Lob für das Spielen und für Verbesserungen erhält.

Druck reduzieren kann man auch, wenn man sich klar macht, was denn eigentlich passiert, wenn man viele Fehler macht.

Angst entseht auch dann, wenn man sich der eigenen Kompetenzen nicht sicher ist. Hier kann es auch helfen, Strategien für Problemsituationen einzuüben, z.B. einfach einstimmig und/oder mit Orgelpunkt im Pedal weiterzuspielen. Man kann auch üben, bei einem vierstimmigen Satz für einen Vers eine Stimme einfach wegzulassen und beim nächsten wieder einzusetzen. Wichtig für Begleitung von Gesang (beklannte Choräle) ist, dass der Rhythmus beibehalten wird, die Melodie kann auch mal daneben liegen.

Gibt es irgendwo frei erhältlich oder günstig eine Sammlung von vierstimmigen Chorälen zur Gemeindebegleitung (möglichst einfach) um das Spielen dieser zu trainieren, da ich momentan jeden tage-, wenn nicht wochenlang einüben muss...
Oder gibt es da andere Möglichkeiten sich auf die Gemeindebegleitung vorzubereiten?

Im evangelischen Orgelbuch gibt es auch 3stimmige Sätze. Falls es sich um eine kath. Gemeinde handelt, könnte die auch die Hefte von Andreas Willscher anschaffen (siehe www.edition-lvs.de, Katalog ist nicht ganz vollständig), da finden etwas versiertere Orgler/innen Alternativen zu den üblichen Sätzen und Anfänger bei den meisten Chorälen auch dreistimmige Sätze. Aber das sollte die Gemeinde tun, nicht der Nachwuchsorganist.

Tipp: Die Hefte mit den Sorties, Meditationen, Noels usw. bei Edition LvS empfehlen sich auch: Kurz, einfach, solide Kunst, klingen teilweise so gut, dass sich die Leute für die Stücke bedanken und nachfragen. Uns sie sind unbekannt, so dass man auch mal daneben greifen kann, ohne dass es alle merken.

Und ich bin meist sehr angespannt bis verkrampft während ich spiele, sollte das ganze nicht eigentlich viel entspannter ablaufen oder ist das ob der Konzentration normal?

Ganz ohne Spannung (Nevosität) ist für die Leistung nicht gut, völlige Verspannung (Angst) aber recht schlecht. Ruhe und Routine stellen sich aber nur ein, wenn man vor Öffentlichkeit spielt.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.


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