ein paar Fragen...

chp, Sonntag, 06. Januar 2013, 12:56 (vor 5040 Tagen) @ Reinhard Kluth
bearbeitet von chp, Sonntag, 06. Januar 2013, 13:41

Hallo,

1. Alter. Jüngere können sich in der Regel neues Repertoire schneller erarbeiten als ältere. Ab 50 +-X lassen Wahrnehmung und Motorik beispielsweise nach. Ab der Pensionierungsgrenze (65/70) etwa wird die Erarbeitung neuer Stücke an der Grenze des Bewältigbaren immer schwieriger und es ist besser sich auf die Erhaltung des Repertoires zu konzentrieren. Bis zum Alter von 30 Jahren spielt das Alter aber praktisch keine Rolle.........


wer hat denn den Unsinn erzählt: nicht weil ich zu der Gruppe "ab 50 +-X gehöre und mich auch nicht auf den Schlips getreten fühle; aber schauen Sie sich mal Organisten wie etwa den 81 jährigen Stockmeier und gar Michel Chapuis an! Die sprühen nur so vor Temperament beim Interpretieren. Und da gibt es sicher noch viele andere.

An sich ging es mir darum, dem Kollegen aufzuzeigen, dass er noch nicht zu alt zum Erlernen des Orgelspiels und zum Üben ist...

Zum Hintergrund: Es gibt recht solide Befunde, die aus der Alternsforschung stammen (MPI Berlin, Arbeitsgruppe des leider früh verstorbenen Paul Baltes). Danach lassen Merkmale der Wahrnehmung (Gehör, Sehsinn), Motorik, Informationsverarbeitung etc. so peu a peu nach, ab dem 60./65. Lebensjahr etwas weniger langsam, zwischen dem 65. und dem 80 Lebensjahr macht das in etwa so viel aus, was man bei der PISA-Studie als einen Effekt von 2 Schuljahren bezeichnet (für Statistikkundige: knapp eine Standardabweichung). Das gilt aber alles für den Durchschnitt.

Wenn man berühmte Persönlichkeiten ansieht, haben die ihre höchsten Lebensleistungen meist vor dem 40./45. Lebensjahr erzielt (z.B. Einstein). In Einzelfällen kann man aber auch nach dem 65. Lebensjahr noch Steigerungen der Leistungsfähigkeit beobachten (z.B. hat der berühmte Bruckner-Interpret Günter Wand erst nach seiner Pensionierung richtig durchgestartet).

Für die die meisten Leute bzw. im Mittel gilt weiter (solche Aussagen beziehen sich natürlich nie auf alle), dass die maximal erreichbare Leistungsgrenze vom 65. bis 80. Lebensjahr ansinkt. D.h. man kann noch in diesem Alter mit einem Instrument erfolgreich beginnen, aber eben lange nicht mehr so viel erreichen, wie in jüngeren Jahren, schon weil für ein bestimmtes Niveau erforderlichen langen Übezeiten nicht mehr aufgebracht werden können. Wer aber bereits an seiner persönlichen Leistungsgrenze angelangt ist, wird in der Regel (nicht alle Personen!) seine Leistung nicht mehr steigern können, sondern eher mit einem Absinken rechnen müssen. Deswegen empfiehlt es sich für die meisten (nicht alle!), die Sicherung des vorhandenen Repertoires stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Was man noch mit einiger Sicherheit sagen kann, ist, dass musikalische Aktivitäten (nicht passiv nebenher Musik zur Unterhaltung hören, sondern selbst Musizieren oder auch Tanzen), sich positiv auf Gehirn und Alterungsprozesse auswirken (diese also abbremsen können). Zu aktivem Zuhören, wo man sich aktiv gedanklich mit der Musik auseinander setzt, wie es etwa Musikkritiker machen, kenne ich keine Studien. Es könnte aber gut sein, dass sich das ebenfalls günstig auswirkt, auch wenn dabei natürlich weniger Teile des Gehirns aktiv sind (die Steuerung von Wahrnehmung und vor allem der Motorik fällt etwa weg).

Heiner Gembris, der an der Universität Paderborn arbeitet und übrigens auch Orgel spielt, hat begonnen, sich mit solchen Fragestellungen der Entwicklung musikalischer Begabung im Alter stärker zu beschäftigen. Ein gut verständliches Buch zum Thema mit dem Titel "Macht Musik schlau?" stammt von Lutz Jäncke (Neuropsychologe an der Universität Zürich).

Nochmals: Solche Aussagen gelten im Mittel und nicht für jeden Einzelfall. Es geht um Trends, die nicht einfach zur Analyse individueller musikalischer Leistungen angewendet werden können.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.


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