Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

otto krämer, Dienstag, 03. Dezember 2013, 15:22 (vor 4649 Tagen) @ Clemens Schäfer

Guten Tag zusammen!

Lieber Herr Schäfer,
so gerne ich sonst Ihre wunderschönen Kritiken lese, umso mehr bin ich heute erstaunt über Ihre Eindrücke und Ihre grundsätzliche Meinung zur konzertanten Improvisation.

Hallo Forum,

Thierry Escaich spielte am 02.12.2013 in St. Lambertus ein Orgelkonzert mit fünf verschiedenen Improvisationen.

Nun räume ich freimütig ein, daß ich wenig Sinn darin sehe, sich in dieser Art als Konzertorganist zu betätigen. Klar ist, daß man als Kirchenmusiker Kenntnisse und Fertigkeiten im Improvisieren haben muß: Das liturgische Geschehen erfordert mitunter Überbrückungen mit Orgelspiel. Auch in Standartsituationen wie Ein- und Auszug kann man schon aus Zeitgründen nicht immer auf Literaturstücke zugreifen. Und es ist natürlich schön, wenn der Organist beim Gemeindegesang das Vorspiel selbst frei gestaltet und bei der Begleitung nicht an irgendwelchen Vorlagen klebt. Insofern hat das Improvisieren beim Orgelspiel also seine volle Berechtigung. Und muß daher auch gelehrt und studiert werden.

Das ist schon einmal alles soweit korrekt; allerdings bewegt sich ein improvisierender Musiker auch auf dem Weg der Findung der eigenen Musiksprache, wenn er es denn mit der Improvisation ernst nimmt. Allein das ist nicht unbedingt an liturgische Situationen gebunden - das gibt es Text/Lyrik/Bilder/Filme/Farben/etc., über die man in allen möglichen Situationen und Konstellationen etwas "aus dem Ärmel schütteln" kann. Und mit Orgelspiel lit. Situationen lediglich zu überbrücken, das ist mir zu einfach - man muss sich in die jeweilige Situation auch hineinspüren können, nicht nur ein paar Akkorde dahinspielen.
Das ist nicht so einfach - ja - deshalb sollte man ja auch das Fach studieren.
Das heißt ja dann auch Liturgisches Orgelspiel die andere Seite heißt Improvisation!


Was bekommt man als Improvisation im Konzert geboten? Da gibt es häufig Stilkopien. Es werden Suiten nach franz. Manier; ganze Orgelsymphonien à la Widor oder romantische Fantasien gespielt. Erkenntniswert: Man erfährt, daß der Organist diese Stile kennt. Musikalisch ist das meist nicht sehr ergiebig. Wie sollte es auch? Schließlich wird ad hoc gespielt, es kann nicht gegrübelt werden. Denkpausen sind bei einer Improvisation nicht drin. Es muß weitergehen. Man nimmt bewußt das Minus zu einer Komposition in Kauf und ergötzt sich am Circensischen.

Ich muss hier widersprechen, leider.
Ich habe sicherlich hunderte Stunden improvisierter Musik genossen, zu allererst an der Konsole in Kevelaer. Großmeister Wolfgang Seifen hat mich tausende Male überrascht mit seiner Gabe, Musik tatsächlich so zu erfinden, dass sie nicht nur spontan wirkte, sonder tatsächlich auch überlegen konstruiert. Sehr wohl hatte ich immer den Eindruck bei ihm - wie auch bei den anderen Großmeistern, dass sie die Gabe des Sprechredens in der Improvisation meisterlich beherrschten:
Weiter zu spielen und gleichzeitig weiter zu denken.
Die andere Gabe ist, eine gegebene Großform wie den Sonaten-Hauptsatz klar vor Augen zu haben, daher den Zuhörer durch diese Form zu führen und so den roten Faden in der Hand zu behalten.
Freilich gelingt dies nicht immer, und auch nicht jedem.


Ja, das wird immer wieder als besonderer Reiz des Improvisieren hervorgekehrt: Die Einmaligkeit dessen, was da produziert wird. Nun ist Eizigartigkeit noch kein Garant für Qualität. Und das mit der Einmaligkeit ist oft nur die halbe Wahrheit. Dort, wo der Spieltisch vom Publikum einsehbar ist, kann man nämlich beobachten, daß die Registrierungen mittels Sequenzer fortgeschaltet werden. Mit anderen Worten: Die Registrierungen hat der Spieler vor dem Konzert einprogrammiert. Und das geht ja wohl nur, wenn er die Musik bereits im Kopf hat. Wir hören also als Improvisation häufig auswendig gelernte Eigenkompositionen.

Nein!
Ein improvisierender Organist hat das Recht, sein Instrument gebührend kennen zu lernen und die Klänge, die er dann benutzt, auch vor zu bereiten.
Man stelle sich einen Pianisten vor, der den Flügel nicht zu sehen bekommt, bevor er spielt.
Und den Sequenzer zum Crescendo und zum Decrescendo zu benutzen mit einer gut ausgeklügelten Registrierung ist genauso legitim wie Reger mit oder ohne Walze zu spielen - oder Bach mit Hacke und Spitze oder was auch immer.

Der Interpret macht die Musik, die Komponisten der meisten Alten Musik sind meines Wissens schon tot. ;-)

Improvisatoren, die die zu bespielende Orgel sich zu eigen gemacht haben, sind mir im Übrigen persönlich die liebsten; sie brauchen nicht zu überlegen, wie das Instrument wohl klingen wird, während sie spielen - meistens schimmert erst dann ihre Seele hervor.


Praemissis praemittendis komme ich zum Konzert! Escaich begann mit einer Paraphrase improvisée sur un thème gregorienne. Das Thema wurde, wie dann auch bei den weiteren Programmnummern, von einem Solosopran aus der Turmorgel angesungen; in passender Tonhöhe, so daß Escaich, am Zentralspieltisch im Chorraum sitzend, nahtlos anschließen konnte. Das Thema konnte in verschiedenen Lagen wiedererkannt werden. Leider habe ich nicht verstanden, um welches Thema es sich handelte (Es wurde bei der Begrüßung angesagt).

An zweiter Stelle stand ein Choral varié “Nun kommt der Heiden Heiland” en style classique, wobei klassisch hier barock meinte. Der Stil war bestens getroffen.

das ist doch schon wieder eine tolle Leistung, das ist doch gar nicht selbstverständlich!


Danach folgte eine Improvisation libre sur une theme de O. Messiaen. Hier näherte sich Escaich Messiaen an, ein paar Vogelstimmen durften nicht fehlen.

In welchem Modus spielte Escaich?


Die Fantaisie et fugue improvisée sur “O komm, o komm, Immanuel” war en style romantique gehalten. Wild auffahrender Beginn, langer hoher Halteton am Ende. Gewiß auch sehr stilsicher, wenn auch mitunter an der Grenze zum Kitsch.

Schließlich Thème et Variations sur “Maria durch ein Dornwald ging”. Hier muß man leider sagen: Thema verfehlt! Bereits beim Einstieg schärfte Escaich Tempo und Rhythmik des Liedes so, daß “Die Liebe vom Zigeuner stammt” (Bizet, Carmen) herauskam. Und diesen ersten Eindruck vermochte er dann im folgenden nicht mehr zu verwischen. Von dem zarten Lied blieb nichts übrig.

Daß Escaich über fulminante Technik und viel Klangsinn verfügt, daß er die Orgel in St. Lambertus wirkungsvoll zu nutzen wußte, sei nicht verschwiegen. Etwa 120 Hörer applaudierten stark, aber nicht sehr lang. 70 Minuten, keine Zugabe.

Gruß Clemens Schäfer

Nichts für ungut, Improvisation ist ein Ergebnis langer, harter Arbeit mit dem Thema.
Sie können sich denken, warum ich so stark gegenargumentiere..

Viele Grüße!
Otto Krämer


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