Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 03. Dezember 2013, 21:45 (vor 4703 Tagen) @ Rochus Schmitz
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Dienstag, 03. Dezember 2013, 21:49


Nur mal diesen Aspekt herausgegriffen - das hat mich auch immer gestört: Ich kann nicht nachvollziehen, daß es mit dem Stegreifspiel vereinbar sein soll, am Vorabend Registrierungen vorzubereiten und während des Spiels (evtl. über fünf Minuten vorher bekanntgegebene Themen!) abzurufen. Klar soll der Improvisator sein Instrument, insbesondere die vorhandenen Stimmen, kennen (da hinkt der Vergleich mit dem Pedalspiel etwas, oder?). Aber die einzelnen Kombinationen vorbereiten kann ich sinnvollerweise nur, wenn ich weiß, was kommt. Oder es handelt sich um ein Schema, das der jeweiligen "Improvisation" übergestülpt wird.

....dann wären sämtliche musikalischen Formen, in denen improvisiert wird, gleichermaßen "Schemata", die der jeweiligen Improvisation "übergestülpt" werden: Sonatensatz, Fuge, Scherzo, Ragtime usw. ....

Und überhaupt: auch unser Tonsystem mit Dur/Moll, und erst Recht die festgelegten Töne der Tasteninstrumente! Neinneinnein, wenn schon Improvisation, dann bittesehr mit Instrumenten ohne festgelegte Töne und jenseits unserer Tonalität, wenn ich bitten darf....

Im Ernst: wie die in Regeln (Rechtschreibung, Grammatik, Mimik, Gestik, Betonung, Lautstärke.....) gefaßte menschliche Sprache das Verständigen erst ermöglicht, so gebrauchen große Improvisatoren wie Franz Lehrndorfer, Thierry Escaich, Wolfgang Seifen, Philippe Lefebvre, Olivier Latry oder Daniel Roth bestimmte Ausdrucksformen, um dem musikalischen Gedanken eine nachvollziehbare Gestalt zu geben - denn sonst würden sie nur herumzwirnen. Diese Formen dienen der bewußten Ausgestaltung einer musikalischen Idee. Daß man sich ihrer bedient, widerspricht nicht prinzipiell der Improvisation, sondern ist deren Bedingung. Es würde auch niemand einem Schriftsteller bei einem neuen Titel vorwerfen, dieser sei ja nicht neu, weil es die Gattung - Novelle, Roman, whatever - schon längst gebe und er zudem dieselben Buchstaben und Worte wie in seinen vorherigen Romanen verwende.

Und daß ein Improvisator vorher bei großen Instrumenten Kombinationen vorbereitet, um diese im Bedarfsfall abrufen zu können, ist doch ebenso eine Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit - wie hätte denn W.S. sonst seine grandiose Improvisation über Murnaus "Faust" diesen (Orgel-)Sommer im Hamburger Mariendom überhaupt bewältigen sollen? Mit Registranten, die seine Gedanken voraussehen? Wie sollte ein Olivier Latry sonst eine derart brillante Improvisation umsetzen können?

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, daß das stets festgelegte Schema dann jedem Thema "aufgepfropft" wird. Ab da ist es dann eben keine wirkliche Improvisation mehr. Aber das ändert überhaupt nichts daran, daß es völlig zutrifft, was Otto sagt. Und Escaichs musikalische Sprache ist vielleicht der von Messiaen verwandt, aber das bloße Nachmachen anderer dürfte er kaum nötig haben.

Übrigens: schon mal den Otto Krämer gehört? Der ist nämlich sehr, sehr gut, ich hab' da eine CD von ihm, zusammen mit Matthias Mück.....

Gruß,
Wolfgang


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