Heiliggeist Clausthal, war: Orgelneubauprojekte in Clausthal und Freckenhorst

ArnezN, Montag, 03. Oktober 2016, 00:38 (vor 3622 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Ich mische mich mal ein, denn ich kenne die Ottilie, habe schonmal einen Gottesdienst darauf gespielt.
Die Orgel ist für mich vielleicht die typischste aller Ott-Orgeln, die ich kenne: Fauchende, quintierende Prinzipale im Prospekt, eine laut spuckende Holzpfeife, im Pedal zwei sehr quintige 16', hohe, aber unaufdringliche Mixturen. Der Klang ist demnach sehr charakteristisch, aber in sich stimmig. Zugegebenermaßen füllt die Orgel den sehr schallschluckenden, trockenen Raum nicht restlos. In Gottesdiensten und Konzerten, in denen ich sie gehört habe, empfand ich sie aber immer als angenehm zurückhaltend. Die elektrische Registertraktur ist komplett abgängig (es gibt sogar noch den typischen Ott-Lochkartensetzer), der Spieltisch mit Radialpedal und stehendem 60er-Jahre Nussbaumfurnier zum Prospekt eine Anfechtung. Innen soll es auch sehr eng zugehen. Trotzdem hätte ich einen technischen Neubau für die Ideallösung für dieses Instrument und die Kirche gesehen. Ich bin aber auch bekennender Ott-Fan, was man von der derzeit amtierenden Kantorengeneration nicht erwarten kann.

Als ich die geplante Disposition eben las, verschlug es mir allerdings die Sprache. Bizarr! Was für ein Monster! Was für ein Preis! Was für ein Größenwahn! So eine Orgel gehört in eine große Stadtkirche eines frequentierten Ortes, an dem man mehrmals in der Woche für Touristen gut besuchte Konzerte veranstalten kann und Sonntags eine große Gemeinde begleiten darf. Clausthal ist Provinz. In dem Pfingstgottesdienst, den ich dort spielen durfte, waren außer der Taufgesellschaft (meine Familie) noch ca. 20 andere Besucher. Da ist die Tragfähigkeit des Klanges im Raum ehrlich gesagt völlig wurscht. Für alle, die den Klang in der Kirche nicht kennen, hier der Link zur CD beim Versender mit dei Buchstaben, mit Klangbeispielen: https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/die-ott-orgel-der-marktkirche-clausthal/h...
Eine symphonische Orgel ist in diesem Raum für mich einfach nur grotesk. Man kann die virtuosen Franzosen garnicht gut genug üben, sodass man hier nicht jeden Fehler und Streifton hören würde. Mal abgesehen davon, dass die ganze Musik aus dem Genre ohne jegliche Akustik einfach bescheiden klingen wird. Goll hin oder her. Wer möchte sich hier ein Denkmal setzen? Der Kantor? Der nicht mehr ganz junge OSV?

Faszinierend finde ich auch den Zeitplan: Bis 2020 möchte man die neue Orgel stehen haben. Aber wie treibt man in vier Jahren 2,6 Millionen auf? Der Clausthaler Großindustielle, der einen siebenstelligen Betrag als Basis spendet, ist mir bislang nicht bekannt. Die Kirchengemeinde dürfte jedenfalls keine riesigen Geldreserven haben, haben sie doch erst kürzlich für mehrere Millionen ihre Holzkirche saniert.

Ironie an der Geschichte: Nebenan im Ortsteil Zellerfeld steht in Salvatorkirche mit Überakustik eine wunderbare zweimanualige Schuke-Orgel von 1971 im Gehäuse der ursprünglich dreimanualigen Schnitgerin - für mehr Werke war damals kein Geld da. Die Orgel ist seit 1971 unverändert und spätestens seit der 10 Millionen teuren Komplettsanierung der Kirche ziemlich verdreckt. Aber für eine Ausreinigung fehlt das Geld...

Kopfschüttelnde Grüße
Arne


gesamter Thread:

 

powered by my little forum