Anschnallen: Was sich Theologinnen wünschen

ArnezN, Sonntag, 15. März 2026, 22:19 (vor 165 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

...sicher, es ist gut gemeint. Die Prohibition war auch gut gemeint. Ansonsten gilt, was ich schrieb: wenn die "geschlechtliche Einordnung" Gottes falsch ist, ist seine weibliche Einordnung genauso falsch wie seine männliche, und von "Geist" auf "Geistkraft" auszuweichen, nur weil das eine weibliche Form ist, ist lächerlich. Und die Sprache ist nunmal begrenzt, so wie auch Noten eine Komposition niemals vollständig wiedergeben können. Ich halte es für sinnvoller, diese Begrenztheiten zu akzeptieren, als sie durch das infinite Aufblähen der Sprache kompensieren zu wollen, zumal auch die weibliche Bezeichnung "ausschließt".

Ob die geschlechtliche Einordnung Gottes richtig oder falsch ist, steht in dieser Frage aber, glaube ich, gar nicht zur Debatte. Wenn jemand z.B. von seinem Vater in der Kindheit misshandelt wurde und deswegen der "Vater" negativ besetzt ist, hilft es ihm oder ihr nicht, wenn ein Theologe sagt "das ist theologisch gesehen nicht wichtig". Es geht darum solche Barrieren abzubauen. Deshalb werden, wenn ich das richtig beobachte, auch beide Geschlechter gleichzeitig benutzt.
Für mich als jemand, der solche schlechten Erfahrungen nicht gemacht hat, erscheint die sprachliche Aufweitung natürlich überflüssig, für mich wird sie ja auch nicht gemacht. Aber dass Sprache begrenzt ist, bedeutet doch nicht, dass man nicht innerhalb der Grenzen versuchen kann, Menschen einen vorher wegen der Sprache verwehrten Zugang zum Glauben zu ermöglichen. Ob das funktioniert, kann ich allerdings nicht beurteilen.

...ich empfinde das Gendern in diesem Bereich so ziemlich als das Gegenteil von "Sensibilität". Plump-belehrender Sozialpädagogen-Jargon ist für mich übergriffig, weil der/-/diejenige, der/die ihn verwendet, sich damit gegenüber dem Adressaten die Rolle eines/r Quasi-Erziehers/in anmaßt und diejenigen, die ihn praktizieren, zudem genau wissen, dass er von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung dezidiert nicht geteilt wird. Und ich halte es für keine gute Idee, wenn die Kirchen eine Sprache zu verwenden versuchen, die vom normalen und akzeptierten Sprachgebrauch derartig weit entfernt ist.

Diese empfundene Übergriffigkeit ist aber ein individuelles Problem, ebenso die Wahrnehmung als "Erzieher/in". Sollte nicht jeder Pfarrer und jede Pfarrerin, genauso wie jeder andere Mensch, entscheiden dürfen, ob er seine Sprache entsprechend anpasst, oder nicht? Soweit ich weiß gibt es von Seiten der EKD und/oder der Landeskirchen keine Vorschriften dazu. Korrigiert ggf. mein Unwissen.
Ich lese und höre gelegentlich, dass die (evangelische) Kirche ja immer linker würde und es ihr gut stünde, neutraler zu bleiben und sich nicht dem vermeintlichen linken Mainstream anzubiedern. Dies kommt allerdings meist von Außenstehenden, die sich als nicht-gläubig betiteln und überhaupt nicht kirchlich aktiv sind oder waren. Die Menschen, die ich in den Gemeinden treffe, sind meist aus Überzeugung eher progressiv eingestellt, weil sie in diesen den Menschen zugewandten Ideen eher die christlichen Werte repräsentiert sehen, als in den politisch konservativen Ideen. Sollen sich die Menschen, die die Kirche vor Ort gestalten, also gegen ihre Überzeugung verhalten, um die Kirche politisch glatt und neutral zu halten? Das empfände ich auch als übergriffig.

Klar spielt dabei auch Gewöhnung eine Rolle. Aber die ist ja nicht schlechterdings illegitim. Gerade die Kirchen sollen die "Verortung" des Menschen in größeren, weit über alles Menschliche hinausragenden Zusammenhängen verkörpern und damit auch Zuversicht und "Erlösungsgewissheit" - "alles wird gut" - vermitteln. Solche Zusammenhänge zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass sie sich nicht wesentlich ändern. Das Alpha und das Omega bleiben, egal, welcher Trend und welche Mode oder sonstige kollektive Idiotie gerade die Wahrnehmung und das Verhalten bestimmt. Das zerstört man, wenn man Trends hinterherläuft.

Wenn man so argumentiert, könnte man die Evangelien auf die Passions- und Ostergeschichte reduzieren. Schon Weihnachten mit dem Magnificat und den Hirten passt aber nicht in dies rein transzendentale Aufgabenverständnis, von Jesu Wirken und Predigten ganz abgesehen.
Ich will micht mangels passender Ausbildung nicht zu sehr auf theologisches Terrain begeben. Eine Kirche ohne tagesaktuelle Bezugnahme würde aber für mich genauso überflüssig werden, wie Formeln im Matheunterricht ohne Transfer zur realen praktischen Anwendung. Glaube für die Erlösungsgewissheit? Ja, aber bitte auch mit beiden Beinen im Leben.


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