Die ungeliebte Walze

Karsten @, Montag, 25. Mai 2026, 10:03 (vor 99 Tagen) @ Evacuant
bearbeitet von Karsten, Montag, 25. Mai 2026, 10:52

Und "darf" man, wenn man sich für ein modernes Klavier entschieden hat, auch pedalieren?


Ja, man darf.

Ich kenne keinen Musiker, der so etwas ernsthaft diskutieren würde. Darf man Bach auf der modernen Orgel spielen, darf man Mozart auf dem modernen Flügel spielen?

Erlaubt ist, was gefällt.

(Es muss ja zum Glück nicht jedem gefallen...)

Hallo!

Es gibt zumindest so manche Musiker, die den Klang bzw. die Bauweise zeitgenössischer Instrumente im Vergleich zu modernen und deren Auswirkungen auf die Wiedergabe/Interpretation diskutieren. Dabei ist im Tasteninstrumentenbereich weniger der "Gegensatz" Cembalo vs. (moderner) Flügel als (verschiedene) Hammerflügel vs. moderner Flügel Thema. Auf Youtube gibt es sehr informative Vorlesungen von Malcolm Bilson (kennt der eine oder andere vielleicht von den Mozart-Klavierkonzerten mit Gardiner). Tenor: die Satzstruktur, Artikulation und manche Vortragsangaben vieler klassischer Komponisten (Mozart, Haydn, Beethoven...) funktionieren auf damaligen Hammerflügeln viel besser/leichter bzw. "von selbst".

Randbemerkung: András Schiff äußerte sich im Beiheft seiner Schubert-Sonaten-Einspielung für Decca noch etwas abfällig über die damaligen Hammerflügel. Einige Jahrzehnte später gestand er geläutert: er lag falsch. Er hatte in der Zwischenzeit mehr Kontakt mit historischen Instrumenten und hat deren Klangzauber entdeckt. Deswegen spielt er aber nicht ausschließlich auf alten Instrumenten. Er weiß um die Vor- und Nachteile beider Instrumententypen und weiß sie zu nutzen.

Das heißt nun nicht, dass man nur noch Hammerflügel verwenden darf, aber man sollte als ernsthafter Interpret diese Eigenheiten kennen und vielleicht sogar mal selbst ausprobiert haben, um dann den nötigen Effekt - wie auch immer - auf modernen Flügeln so gut es geht hinzukriegen.

Nebenbei: Auf Arte läuft übrigens gerade eine Miniserie über berühmte Orchester der Welt (Wiener, Berliner, Concertgebouw...) Darin demonstrieren die Musiker auch teilweise ihre typischen Instrumente mit ihren verschiedenen Bauweisen und Klangfarben. Das ist schon interessant...

Ich trage vermutlich Eulen nach Athen: aber auf der Orgel ist es nicht viel anders. Sicher "darf" man Widor auf einer neobarocken Orgel spielen, oder Bach auf einer Sauer-Orgel, oder Ligeti in Haarlem.
Aber bei "unserem" Instrument ist bei einer Interpretation der Faktor "Instrument" (neben Komposition, Interpret, Raum) nun mal ein besonders gewichtiger Faktor. Da sollte man zumindest wissen, wie es auf "originalen" Instrumenten in etwa geklungen haben könnte. Dann kann man ja immer noch schauen, ob man versuchen will, eine Orgel besonders "französisch" oder wie auch immer klingen zu lassen, oder sich sagt: ich passe das Stück bzw. meine Interpretation der Orgel an.

Gruß
Karsten


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