Orgelprojekt St. Kastor, Koblenz (Teil 2, Neubau)

kjz1, Sonntag, 27. Juli 2014, 16:12 (vor 4415 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von kjz1, Sonntag, 27. Juli 2014, 17:53

Hallo!

Zur Zeit wird unsere Orgel ja intoniert. Und erhält eine 'romantische Intonation' (von der Website der Gemeinde):

Ziel dieser ist es, der Pfeife einen statischen, kräftigen Ton zu geben, um homogene und nuanciert abgestufte Register zu erhalten, mit denen man große kompositorische Linien und Klangflächen darstellen kann.

Wenn man sich die Disposition ansieht, verwundert dies eher wenig. Wenn man die Historie kennt, schon eher. Unser langjähriger Organist ist nämlich ein großer Bewunderer von Bach, u.a. gründete er den Bach-Chor und hat auch viele Bach-Werke aufgeführt. Dementsprechend war die (abgebaute) Spaeth-Orgel eher neobarock angelegt. Auch das jetzige 'Chorörgelchen' versucht Raumbeherrschung eher durch Aliquoten zu erlangen.

Sieht man sich in der Region etwas um, so findet man auch hier eher neo-barock geprägte Orgeln und auch einige Barock-Orgeln. Hier meist mit mehr oder weniger Original-Pfeifenmaterial der Stumm-Dynastie (auch unsere Kirche verfügte ja früher über eine relativ große Stumm-Orgel). Auch der Orgelbauer ist in der Vergangenheit nicht unbedingt im Bereich 'romantische Orgel' bei Neubauten hervorgetreten.

Hier in der Region kenne ich im Bereich des romantischen Orgelbaues eigentlich nur die (spät-)romantische Seifert-Orgel in St. Josef:

Orgel St. Josef

Das Instrument hat mir damals 'die Ohren geöffnet', dass es neben dem neo-barocken Klang auch noch ein anderes Klangideal gab. Das war noch vor der Renovierung 1990 durch Seifert. Damals hat man die Orgel (aus meiner Sicht: leider) erheblich verkleinert. Eher ungewöhnlich ist auch das (hinterständige) Schwellwerk, mit dem erhebliche Klangeffekte (Stichwort: 'caged roar') möglich sind. Auch andere Konzertbesucher haben mir gegenüber schon geäussert, dass diese Orgel ja 'so ganz anders' klingt, als was man sonst von den Kirchen in der Stadt gewohnt ist.

Ein hinterständiges Schwellwerk wie in St. Josef (das Schwellwerk steht größtenteils verdeckt durch das Hauptorgelgehäuse in einem sehr voluminösen Turmraum. Der Klang ist bei geschlossenen Jalousien praktisch mit einem Fernwerk vergleichbar.) ist in St. Kastor baubedingt nicht möglich. Was ich mich aber schon immer gefragt habe: warum haben die meisten Orgeln nur Schwelljalousien direkt nach vorne in den Raum hinein? Klangänderungen sind so ja nur in begrenztem Maße möglich. Könnte man nicht auch 'Seitenjalousien' bauen? Das muss sich unser Orgelbauer anscheinend auch gedacht haben, denn zumindestens das Solowerk hat nicht nur Jalousien nach vorne, sondern auch hoch oben seitlich zur Kirchenwand hin. Somit kann man auch eine 'indirekte Schwellwirkung' realisieren. Leider konnte ich nur die vorderen Jalousien photographieren, bei den seitlichen Jalousien ist (noch) zu viel Gerüst im Weg:

[image]

Ausserdem ist mir in der Region auch nur eine weitere viermanualige Orgel bekannt: die Kemperin hier in der Stadthalle, die momentan bei demselben Orgelbauer in Bearbeitung ist.

Tja, und dann wird in unserer Kirche Kirche eine Orgel gebaut, die ihre raumbeherrschende Kraft anscheinend eher aus einem Hochdruckwerk mit doppelten Schwelljalousien beziehen soll und mit den 16-Füssen in allen Manualen auch einiges an Gravität besitzen dürfte. Motto: in der Tiefe liegt die Kraft?

Für die hiesigen Verhältnisse kommt das schon stark einem Paradigmenwechsel gleich, deshalb auch meine Verwunderung und gespannte Vorfreude.

P.S.: auch vom Orgelbauer gibt es einige neue Fotos:

Beim Abhören der Intonation im Kirchenschiff

Auch der Seniorchef testet kritisch die Orgel

Das Positiv hoch oben unter dem Gewölbe

Die gekröpften Becher der Fanfare

Intonation des Prästant 16'

(Wenn man in den Pfeifenmund schaut, leuchtet es dort rötlich. Entweder ist dies ein Effekt der Beleuchtung oder es handelt sich um zinnfolierte Kupferpfeifen. Aus Gründen der Stabilität würde hier Kupfer bei den überlangen Pfeifen Sinn ergeben.)

Viele Grüße,

- Karl-Josef


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