Orgelprojekt St. Kastor, Koblenz (Teil 1, Historie)

kjz1, Sonntag, 19. Januar 2014, 20:42 (vor 4603 Tagen)

Hallo!

Im alten Forum hatte ich schon einmal berichtet (die Kirche mit dem Weihnachtsbaum-Overkill... ;-), aber jetzt geht es tatsächlich los. Geht es nach Plan, soll die Orgel zu Pfingsten 2014 fertig sein. Ein Orgelbau direkt in direkter Umgebung erlebt man ja oft nur einmal im leben, deshalb möchte ich hier von den Grundlagen und dem Baufortschritt berichten.

Bei der Kirche handelt es sich um ein relativ altes Gebäude, begründet wurde sie schon 836 von Kaiser Ludwig den Frommen. Zunächst einmal hatte die Kirche, wie in der Romanik üblich, eine flache Holzdecke, später wurde dann nachträglich in der Gotik ein steinernes Kreuzgratgewölbe eingezogen, wodurch die Decke etwas niedriger wurde. Eine erste Orgel wird bereits 1422 erwähnt.

Zudem steht die Basilika minor an exponierter Lage am Zusammenfluß von Rhein und Mosel. Dies bedingt, dass die Denkmalschützer ein recht genaues Auge auf alle Baumassnahmen an der Kirche haben.

Für die Orgel wurde nachträglich eine Rückempore aus Holz eingebaut. Dort befand sich eine relativ große Orgel (III/39) der bekannten Orgelbaudynastie Stumm. Der Ruhm der Orgel drang sogar bis nach England, die Dispostion findet man im englischen Standardwerk von Hopkins: The Organ : its history and construction (London, 1885). Die Stumm-Orgel wurde dann in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der Fa. Stahlhuth (Aachen) umgebaut, seitlich um 2 Flachfelder erweitert und elektrifiziert. Im Jahr 1944 erhielt der rückwärtige Teil der Kirche einen Brandbombentreffer und trotz sofortiger Löschmassnahmen wurde die Empore und Orgel ein Raub der Flammen.

Nach dem Krieg sammelte man dann Spenden zum Bau einer neuen Orgel. Da die Kirche regelmässig alle paar Jahre bei Hochwasser überflutet wird, kommt eine Aufstellung auf dem Boden nicht in Betracht, die Orgel muss also an eine Wand gehängt werden. Zudem forderte damals der Denkmalschutz, dass die Westwand frei bleiben musste, also konnte auch keine neue Rückempore gebaut werden. Die Orgel wurde dann 1962 an der Norwand des nördlichen Seitenschiffes aufgehängt, der Spieltisch mittels elektrischer Traktur an einem langen Kabel angeschlossen. Die Orgel wurde gebaut von Fa. Gebr. Späth (Mengen-Ennetach) mit folgender Disposition:

I. Manual - Hauptwerk, C-g3

Gedacktpommer 16
Prinzipal 8
Holzfloete 8
Octave 4
Gedecktfloete 4
Nazard 2 2/3
Octave 2
Mixtur VI 1 1/3
Spanische Trompete 8 (horizontal)
Spanisches Clairon 4 (horizontal)


II. Manual - Brustwerk, C-g3 (schwellbar)

Copertfloete 8
Gamba (Salicional) 8
Praestant 4
Nachthorn 4
Blockfloete 2
Nasat 1 1/3
Sesquialter II
Scharff IV 1
Schweizer Trompete 8
Tremulant


III. Manual - Kronwerk, C-g3

Gedackt 8
Quintadena 8
Waldfloete 4
Singend Prinzipal 2
Terz 1 3/5
Octave 1
Terzcymbel III 1/4
Krummhorn 8
Tremulant


Pedal, C-f1

Principalbass 16 (Kupfer)
Subbass 16
Pommer 16
Spillpfeife 8
Rohrgedackt 8
Choralbass 4
Sopran 2 (Ext. Choralbass)
Cantus firmus IV 4
Bombarde 16 (Kupfer)
Basstrompete 8

Zimbelstern

Akustisch gesehen war der Standort natürlich nicht optimal, um den recht großen Raum gleichmässig zu beschallen. Vielleicht deshalb auch die beiden Chamaden, um wenigstens etwas mehr 'Hörbarkeit' zu erzeugen. Wobei ich jedoch aus eigener Erinnerung weiss, dass die Chamaden relativ mild intoniert waren. Also keine 'Partyhörner', sondern eher eine Bekrönung des Tutti mit zusätzlichen Obertönen.

1985-1990 fand dann eine groß angelegte Innensanierung der Kirche statt. Danach wurde die Späth-Orgel (hier wäre eine umfassende Renovierung nötig gewesen) nicht wieder in Betrieb genommen.

Stattdessen lieferte die Fa. Mayer (Heusweiler) 1990 ein Positiv (Chororgel), das bis heute in Betrieb ist:

I. Manual - Hauptwerk, C-g3

Rohrfloete 8
Praestant 4
Waldfloete 2
Mixtur III-IV 2


II. Manual - Nebenwerk, C-g3

Holzgedackt 8
Blockfloete 4
Doublette 2
Spitzquinte 1 1/3


Pedal, C-f1

Subbass 16
Rohrpommer 8
Gemshorn 4

Das Positiv ist fahrbar auf einem Podest aufgestellt, bei Hochwasser wird es aufgebockt. Wobei dies jedoch einmal auch nicht ausreichte, da stand das Positiv mit dem Pedal im Wasser. Aber auch dies hat das 'Örgelchen' verkraftet.

Hier noch einmal ein (älteres) Photo, was die Orgeln zeigt:

[image]

Also oben die Späth-Orgel (die Horizontaltrompeten sind bereits abgebaut), darunter die Chororgel und links noch die Truhenorgel (und noch die Osterdekoration mit den gelben Schleifen ;-)

Mittlerweile wurde die Späth-Orgel abgebaut, aktuell sieht es so aus:

[image]


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