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oHo, Donnerstag, 22. August 2024, 20:25 (vor 739 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von oHo, Donnerstag, 22. August 2024, 20:41

Meine Vorschläge für einen direkten Vergleich wären die Orgel der Stiftskirche in Beromünster (Schweiz/LU) von Franz Anton und Johann Nepomuk Kiene sowie die (leider einmanualige) Orgel von Martin Braun in Neudingen am Rande der Hegaualb.

Der Orgel in Beromünster spürt und hört man an, daß Kiene noch in der Welt eines Gabler oder Holzhey verwurzelt ist, diese Klangwelt auf eine interessante Weise aber mit Elementen der Frühromantik zu verbinden wusste, wie beispielsweise eine fein abgestufte, aber charakteristische Palette an labialen 8'-Registern und auch seinerzeit modernen Einflüssen wie einer durchschlagenden Vox humana 8' im Oberwerk, die eher an eine sanfte Klarinette erinnert als an das gleichnamige Register in Weingarten. Kiene schuf in Beromünster ein Instrument, welches weitaus mehr vom klassischen süddeutschen Orgelbau des 18. Jahrhunderts beeinflusst ist, als Hoffenheim, aber trotzdem aus heutiger Sicht als durchaus ein auf der Höhe der Zeit befindliches Werk empfunden werden kann.

Die Orgel in Neudingen wiederum ist ein hervorragendes Beispiel für das ständige Streben nach Vervollkommnung und den Genius ihres Erbauers Martin Braun und dessen offensichtlichen Willen, sich weitestgehend von Walcker zu unterscheiden und abzugrenzen und seinen ganz eigenen Personalstil zu erarbeiten. Neudingen ist ein Zwischenstopp auf Brauns Reise zu diesem Ziel, klanglich und technisch durchaus schwer mit den Orgeln Walckers dieser Zeit zu vergleichen, aber deswegen umso interessanter. Leider hat man die Riesenchance, diese Orgel einfühlsam und im Sinne ihres Erbauers zu restaurieren, auf Jahre vertan, was sehr traurig ist.

Um nun das bisher gesagte zusammenzufassen: ich würde es viel hilfreicher und sinnvoller finden, diese drei Instrumente in einem direkten Vergleich vorzustellen, ihre (wenigen) Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten, ihre Qualitäten und ihre Charakteristik zu präsentieren, als es nur an einer ausgewählten Orgel zu tun, die dem Referenten wohl besonders ans Herz gewachsen ist. Meiner Meinung nach würde ein solcher Vergleich weitaus mehr zum Verständnis der klanglichen Ästhetik des süddeutschen Orgelbaus dieser Zeit und auch seiner verschiedenen stilistischen Ausrichtungen beitragen, als nur ein Portrait einer Orgel.

Vorweg: Ich kenne nur zwei der drei erwähnten Instrumente, Neudingen habe ich noch nicht besucht.

Beromünster ist klanglich eine so fantastische Orgel, dass ich mit einer Schweizer Orgelkommission unbedingt (noch einmal) dorthin fahren wollte und der Besuch war für alle Beteiligten sehr erhellend und spannend.

Allerdings ist die Traktur grenzwertig. In dieser Hinsicht kommt keine Spielfreude auf. Ist das möglicherweise bei anderen Instrumenten Kienes ebenso gewesen und der Grund dafür, dass fast nichts mehr unverändert existiert? Oder ist das fast völlige Verschwinden seiner Instrumente - im Gegensatz zu den Walckerschen - in anderen Unzufriedenheitsgründen zu finden?

Die Verwurzelung der Hoffenheimer Orgel in der barocken Klangwelt ist wesentlich stärker als in Beromünster: Kiene hat im II. Manual schon keinen 2 2/3' und keinen 2' mehr und - vor allem - ist die Differenzierung der Ansprachegeschwindigkeiten in Hoffenheim noch sehr ausgeprägt (später wandelte sich der Stil EFWs stark). Eine Trompete (oder andere Zunge) im I. Manual und einen 4' im Pedal baut Kiene im Gegensatz zu Walcker nicht mehr.

Gleichzeitig ist der romantische Aspekt in Hoffenheim an vielen Stellen ausgeprägter, z.B. bei der dynamischen Abstufung: Die Holzharmonika als extrem leises Register (bei gleichzeitig sehr charakteristischem Obertonaufbau) und die von der per Winddrossel steuerbaren Physharmonika von ppp bis fff reichende Wirkung finden keinen Widerpart in Beromünster.

A propos durchschlagende Register: Inwieweit ist denn eine klangliche Nähe der Vox humana in Beromünster zum erbauungszeitlichen Zustand anzunehmen? Ich habe in Erinnerung, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt. - Wo ist das klangliche Vorbild zu hören? Ich führe gern auch dorthin.


meint, wohlgestimmt grüßend,
Oliver


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