Alles Banane? Würzburg MHS auf der Klais-Homepage

MCVL @, Donnerstag, 22. August 2024, 22:53 (vor 739 Tagen) @ oHo
bearbeitet von MCVL, Donnerstag, 22. August 2024, 23:06

Vorweg: Ich kenne nur zwei der drei erwähnten Instrumente, Neudingen habe ich noch nicht besucht.

Beromünster ist klanglich eine so fantastische Orgel, dass ich mit einer Schweizer Orgelkommission unbedingt (noch einmal) dorthin fahren wollte und der Besuch war für alle Beteiligten sehr erhellend und spannend.

Ja. Völlige Zustimmung. Ich war selten von einer Orgel klanglich vom ersten Moment an derart begeistert wie von der Hauptorgel in Beromünster. Die Orgel hat einen unbeschreiblichen Charme.

Allerdings ist die Traktur grenzwertig. In dieser Hinsicht kommt keine Spielfreude auf. Ist das möglicherweise bei anderen Instrumenten Kienes ebenso gewesen und der Grund dafür, dass fast nichts mehr unverändert existiert? Oder ist das fast völlige Verschwinden seiner Instrumente - im Gegensatz zu den Walckerschen - in anderen Unzufriedenheitsgründen zu finden?

Ebenfalls völlige Zustimmung. Gerade der Baß des Hauptwerks ist extrem schwergängig. Es kommen hier verschiedene Faktoren zusammen, zum einen diese riesigen Doppelventile in der Baßhälfte, der sehr hohe Winddruck (dieser geht tatsächlich auf Kiene zurück, die originale Balganlage aus mehreren Keilbälgen, welche sich in einer Kamner hinter der Orgel befand, wurde um 1900 durch einen Magazinbalg ersetzt, der Winddruck aber unverändert beibehalten), er dürfte in etwa gleich oder sogar noch höher liegen als Hoffenheim. Das war ein Wunsch der Auftraggeber (die Bauakten zu de Orgel liegen mir in Kopie vollständig vor), ursprünglich war sogar ein noch höherer Druck gewunschen, was Kiene aber als unausführbar ablehnte.
Die schwere Spielbarkeit, die aufwendigen Mechaniken waren die Crux der größeren Orgeln von Kiene. Man betrachte sich nur einmal die Führung der Pedalkoppeltraktur in Beromünster, etwas vergleichbares habe ich weder vorher noch danach gesehen. In meiner Heimatstadt standen einst ebenfalls zwei große Orgeln von Kiene, mit derjenigen in der katholischen Kirche gab es deswegen schon bei der Abnahmeprüfung Differenzen, die in der evangelischen Kirche, die Kiene nahezu zeitgleich mit der für Beromünster erbaute, bekam schon Ende der 1850er Jahre eine neue Mechanik und teilweise neue Kegelladen. Ein weiteres Beispiel war die völig verkünstelte Traktur, die Kiene in der Gabler-Orgel in Ochsenhausen einbaute und die ja mit einen Auslöser für die verheerenden Eingriffe von Supoer/Reiser in den 1970er Jahren darstellte.
Somit müssen wir uns mit Beromünster als einzige nahezu vollständig auf uns gekommene Kiene-Orgel begnügen.
In Beromünster wurde bei der letzten Überholung mit den einschlägig bekannten Maßnahmen aus der Trickkiste versucht, die Spielart etwas leichter zu bekommen aber ohne Eingriffe in die historische Substanz ist da nichts wirklich spürbar zu erreichen und dafür wäre es nach meinem Dafürhalten zu schade, die letzte erhaltene Kiene-Traktur zu verändern oder gar unwiederbringlich zu zerstören.
Die Schwergängigkeit hätte in den 1940er Jahren übrigens beinahe zur Elektrifizierung der Orgel in Verbindung mit einem Zentralspieltisch im Chor geführt, von dem auch die nördliche Chororgel aus hätte bedient werden sollen. Die mit der Ausarbeitung eines entsprechenden Projekts beauftragte Firma Kuhn hat das aber aus Respekt vor der Einzigartigkeit der Orgel strikt abgelehnt.

Die Verwurzelung der Hoffenheimer Orgel in der barocken Klangwelt ist wesentlich stärker als in Beromünster: Kiene hat im II. Manual schon keinen 2 2/3' und keinen 2' mehr und - vor allem - ist die Differenzierung der Ansprachegeschwindigkeiten in Hoffenheim noch sehr ausgeprägt (später wandelte sich der Stil EFWs stark). Eine Trompete (oder andere Zunge) im I. Manual und einen 4' im Pedal baut Kiene im Gegensatz zu Walcker nicht mehr.

Gleichzeitig ist der romantische Aspekt in Hoffenheim an vielen Stellen ausgeprägter, z.B. bei der dynamischen Abstufung: Die Holzharmonika als extrem leises Register (bei gleichzeitig sehr charakteristischem Obertonaufbau) und die von der per Winddrossel steuerbaren Physharmonika von ppp bis fff reichende Wirkung finden keinen Widerpart in Beromünster.

Wobei in Beromünster bei geschickter Registrierung verblüffend ^holzheyneske" Klänge erreicht werden können, auf der anderen Seite die hervorragende und prompte Ansprache auch kritischer Register einen staunen lässt und die Orgel verblüffend modern wirkt.
Allerdings ist sie, wie ich schon geschrieben habe, hinsichtlich Prospektgestaltung, Werkaufbau, handwerklicher Ausführung noch ganz ein Kind des 18. Jahrhunderts. Interessant aber in diesem Zusammenhang: der Rolldeckel zur Abdeckung der Klaviaturen ist tatsächlich original, der ist so im Kostenvoranschlag beschrieben. Kiene war also einer der Väter, wenn nicht sogar der Vater, dieser Bauweise.

A propos durchschlagende Register: Inwieweit ist denn eine klangliche Nähe der Vox humana in Beromünster zum erbauungszeitlichen Zustand anzunehmen? Ich habe in Erinnerung, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt. - Wo ist das klangliche Vorbild zu hören? Ich führe gern auch dorthin.

Richtig, die jetzige Vox humana ist eine bei der letzten Überholung durch Goll eingebaute Rekonstruktion nach historischen Vorbildern, wobei mir niemand wirklich sagen konnte, was da als Vorlage hergehalten hat.
Dem Kostenvoranschlag zu Folge war die originale Vox humana aber tatsächlich ein kurzbechriges Register mit durchschlagenden Zungen.


Mit frühromantischen Grüßen aus Württemberg

Mark

(Übrigens liegt in Beromünster auf dem Dachboden fast ungeschützt noch eine wohl auf das 17. Jahrhundert zurückgehende Windlade und daneben die originalen Stöcke und Raster der Kiene-Vox humana)


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