Weise und seine Transmissionsorgeln

MCVL @, Sonntag, 10. August 2025, 14:26 (vor 394 Tagen) @ JRorgel
bearbeitet von MCVL, Sonntag, 10. August 2025, 21:50

Hat sich Faber&Greve mit seinem Reichspatent bei Weise bedient? Die Disposition und Anlage der Orgel in Parchim St. Georgen ähnelt der Orgel von Weise doch sehr - auch hier sind Manual I und II mit dem gleichen, frei wählbaren Registerfundus bestückt.

Nein, das Patent stammte von 1902, die Konstruktion ist aber eine andere als derjenigen von Weise angewandten.
Die Entwicklung der Zwillingslade in Süddeutschland ging von dem Lehrer Gerhardinger aus Marzoll in Oberbayern aus, der zusammen mit Siemann eine gegenüber Faber & Greve stark vereinfachte Transmissionsvorrichtung konstruiert hatte. Die erste Orgel, die nach diesem System Kegellade mit Transmissionsapparaten entstand, wurde 1908 mit II/13 für die Münchner Jahresausstellung erbaut und gelangte später als Chororgel in die Klosterkirche St. Ludwig zu Wipfeld in Unterfranken. Die Orgel für Bruck (Oberpfalz) war also nicht Siemanns erste "Translationsorgel", wie es in der Literatur angegeben ist.
Weise begann ebenfalls 1908 mit dem Bau von Transmissionsorgeln, die erste stellte einen Umbau der einmanualigen mechanischen Maerz-Orgel von 1889 in der Pfarrkirche Münsing am Starnberger See dar, welche im Juli 1908 nach einem etwas komplizierten Verfahren fertiggestellt worden war. Die nächste "Translationsorgel", ebenfalls noch mit Kegelladen, war ein reiner Neubau und entstand für die Kirche Gündlkofen bei Landshut. Ihr folgte als erste Translationsorgel von Weise mit Membranenladen und 11 cm Gesamthöhe für die Windlade (im Gegensatz zu 35 cm beim System von Gerhardinger/Siemann) das Instrument für Grainet im Bayerischen Wald.

Als weitere Lektüre zu diesem Thema empfehle ich u.a. den Aufsatz von Peter Griesbacher "Die Orgel der Zukunft" (!), erschienen im Kirchenmusikalischen Jahrbuch Jg. 22 (1909). Griesbacher schließt mit den Worten: Da fällt mir eben zum Schlusse noch ein hochmodernes Paralogon ein. Vor einem Jahrzehnte kannte man in der Radfahrerwelt noch keinen "Freilauf"; heute ist derselbe obligat geworden und niemand sieht noch auf die Mehrkosten. Die Translation ist nichts anderes als der "Freilauf" der Register und wird sich unbedingt auch die Welt erobern.

Die Siemann-Orgel auf der Münchner Ausstellung 1908:

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